Kritik an Esperanto – Teil 1

600px-flag_of_esperanto-svgEsperanto (Wikipedia Artikel) – eine geplante Welthilfssprache mit romanischem Vokabular, slawischem Alphabet und einer relativ einfachen agglutinativ-analytischen Grammatik – ist eines der kontroversesten Projekte der Menschheitsgeschichte und wird bis heute noch stark diskutiert. In diesem Aufsatz möchte ich die häufigsten Kritikpunkte an Esperanto sammeln und auf ihre Gültigkeit überprüfen. In diesem ersten Teil soll es um soziolinguistische Aspekte Esperantos gehen. Im zweiten Teil werden dagegen die sprach-immanenten Aspekte (Grammatik, Phonologie etc) einer kritischen Untersuchung unterzogen.  Am Ende folgt dann eine persönliche Stellungnahme, die für mich gleichzeitig ein Fazit aus der Diskussion ist.

1. Esperanto ist als Weltsprache gescheitert

Kritik: Esperanto hat das beabsichtigte Ziel nicht erreicht, internationale Hilfs- und Verkehrssprache zu werden. Es gibt keine Region auf der Welt, in der Esperanto lingua franca der Alltagskommunikation ist. Es lohnt sich nicht, Esperanto zu lernen, da man damit nirgendwo mehr Sprecher erreicht als mit anderen Sprachen.

  • Verteidigung: Esperanto-Sprecher leben heute überall auf der Welt verteilt auf allen Kontinenten, daher ist es möglich, mit Esperanto überall auf der Welt mit Menschen zu sprechen. (*pragmatische Sichtweise)
    • Gegenargument: Das gleiche ist für ein dutzende andere Sprachen wahr. Ich werde auch in fast jedem Land der Welt Deutsch-Sprecher finden können; wahrscheinlich sogar einfacher als Esperanto-Sprecher. In der Regel muss man sich mit anderen Esperantisten verabreden; es kommt nirgendwo vor, dass man von einer fremden Person auf der Straße gefragt wird: „Ĉu vi parolas Esperanton?“
  • Verteidigung: Auch wenn Esperanto sein ehrgeiziges Ziel nicht erreicht hat, so ist es noch lange nicht gescheitert. Es hat weltweit etwa 2 Millionen Sprecher – mehr als viele Nationalsprachen wie Estnisch oder Maltesisch. Und durch das Internet wird die globale Kommunikation in Esperanto noch mehr beflügelt. (*pragmatische Sichtweise)
    • Gegenargument: Tatsächlich ist Esperanto die erfolgreichste Welt-Plansprache. Dennoch ist dies kein Argument, Esperanto zu lernen und verwenden, solange natürliche Sprachen erfolgreicher und weiter verbreitet sind.
  • Verteidigung: Esperanto konnte sich nicht durchsetzen, weil es nicht die politische Unterstützung hat wie beispielsweise Englisch. Aber deswegen ist Esperanto trotzdem die beste internationale Sprache, da es einfach und neutral ist (*idealistische Sichtweise).
    • Gegenargument: Ob Esperanto wirklich so einfach und neutral ist, wie behauptet, kann man anzweifeln. Um diesem Argument standzuhalten, muss sich Esperanto der Kritik an seiner Phonologie, Wortschatz und Grammatik unterziehen (siehe Punkte 6 & 7 sowie Teil 2).

2. Englisch ist bereits die Weltsprache

Kritik: Englisch ist bereits die globale Weltsprache oder zumindest die internationalste Sprache. Dadurch ist es überflüssig, eine weitere Weltsprache einzuführen.

  • Verteidigung: Englisch ist die Nationalsprache der Briten und Amerikaner. Esperanto dagegen ist neutral, weil es zu keinem Staat gehört. (*idealistische Sichtweise)
    • Gegenargument: Esperanto ist stark eurozentrisch (s.u.) und somit keine wirklich neutrale Weltsprache.
  • Verteidigung: Früher war es Latein, dann Französisch, heute Englisch und morgen vielleicht Chinesisch – oder eben Esperanto. (*pragmatische Sichtweise)
    • Gegenargument: Noch nie war in der Geschichte der Menschheit eine Sprache so erfolgreich und verbreitet wie Englisch. Es müsste sehr viel passieren, dass eine andere Sprache Englisch überholt. (Mandarin hat viele Muttersprachler aber praktisch keine Bedeutung außerhalb der chinesischen Länder).
  • Verteidigung: Esperanto ist einfacher zu lernen als Englisch.
    • Gegenargument: Das stimmt vermutlich; in der Tat ist Englisch strukturell nicht die geeignetste Sprache. Dennoch hat es sich durchgesetzt. Ob Esperanto überhaupt noch den Vorsprung aufholen könnte, ist fraglich.

3. Andere Sprachen sterben aus

Kritik: Esperanto wirkt der globalen Sprachvielfalt entgegen. Weltweit sterben Sprachen aus; man sollte lieber natürliche Sprachen lernen als eine künstliche.

  • Verteidigung: Esperanto ist als Zweitsprache und Verkehrssprache konzipiert und soll nicht Muttersprachen ersetzen. Daher ist die Motivation, Esperanto zu lernen, eine ganz andere, als Krimtatarisch zu lernen.
  • Verteidigung: Esperanto konkurriert auf dem globalen Level nicht mit bedrohten Minderheitensprachen; Minderheitensprachen werden von den Nationalsprachen ihres Landes bedroht. Wenn die Sorben nicht zu Deutsch, sondern zu Esperanto wechseln würden, die Voten zu Esperanto statt Russisch und die Sprecher von Papua-Sprachen zu Esperanto statt zu Tok Pisin, dann wäre die Kritik an Esperanto gerechtfertigt.
  • Verteidigung: Minderheitensprachen werden nicht dadurch gerettet, dass man versucht sie als internationale Verkehrssprachen zu etablieren, sondern dass man sie auf ihrem angestammten Sprachraum stärkt.
  • Verteidigung: Esperanto wird im Allgemeinen von Menschen gelernt, die ein hohes Bewusstsein für sprachliche und kulturelle Vielfalt besitzen.

4. Plansprachen sind unnatürlich

Kritik: Plansprachen haben sich nicht auf natürlichem Wege entwickelt und sind somit falsche oder zumindest künstliche Sprachen.

  • Verteidigung: Menschen haben schon immer die Welt um sie herum und auch ihre eigene Kultur aktiv gestaltet. In vielen Bereichen wurden natürlich gewachsene Systeme durch effizientere „künstliche“ Elemente ergänzt, reformiert oder ersetzt; gute Beispiele sind Reformen des lateinischen Alphabets, Kalender-Reformen, das arabische Zahlensystem oder das metrische System. Abgesehen davon ist Sprache immer ein menschliches Konstrukt.
  • Verteidigung: Esperanto existiert bereits seit über 100 Jahren und hat Zeit gehabt, sich natürlich zu entwickeln und z.B. an die moderne Technologie anzupassen.
    • Gegenargument: Esperantisten wehren sich schon immer gegen Reformen der Sprache und handhaben den Sprachgebrauch stark präskriptivistisch. Zamenhoff selbst hatte 1894 eine Revision für seine Sprache vorgeschlagen, die aber von der Community abgelehnt wurde. Daraufhin legte er 1905 sein Fundamento als „unantastbar“ fest. Dadurch wird jede Art von natürlicher Entwicklung (und z.B. Vereinfachung) unterbunden. Lediglich das Vokabular erlaubt eine gewisse Offenheit für neue Konzepte.
  • Verteidigung: Esperanto wird mittlerweile in Dutzenden von Familien als Muttersprache weitergegeben. Dadurch ist es eine natürliche lebende Sprache.
    • Gegenargument: Kinder, die Esperanto als Muttersprache lernen, nehmen zahlreiche Veränderungen vor, welche somit als praktisch und natürlich zu bewerten sind (z.B. Weglassen der Akkusativ-Endungen, Schwas in unbetonten Silben, Verwendung von Eigennamen ohne Endung -o). Würde man diesen Entwicklungen freien Lauf lassen, hätten sie sich längst durchgesetzt. Stattdessen wird Esperanto künstlich auf dem gleichen Sprachstand festgehalten.
  • Verteidigung: Es gibt einige Beispiele für die erfolgreiche Transition von einer geplanten Sprache zu einer natürlichen lebenden Sprache. Neben vielen erfolgreichen geplanten Gebärdensprachen und den wiederbelebten Minderheitensprachen Kornisch und Manx ist Neuhebräisch das beste Beispiel.
    • Gegenargument: Allerdings wurde Hebräisch in die Freiheit der natürlichen Entwicklung entlassen und hat sich heute viel stärker angepasst und weiterentwickelt als Esperanto, obwohl Esperanto einige Jahrzehnte älter ist!

5.  Esperanto hat keine eigene Kultur

Kritik: Natürliche Sprachen sind immer in einer Kultur eingebettet und mit ihr verwoben. Esperanto gehört zu keinem Land, Volk, Kulturraum oder Ethnie und hat somit keine eigene Kultur.

  • Verteidigung: Esperanto hat eine stark kosmopolitische Kultur. Esperanto kann als globale Subkultur betrachtet werden oder als „freiwillige Sprachminderheit“.
  • Verteidigung: : Esperanto hat hunderte und tausende von eigenen Liedern, Texten und sonstigen Kunstwerken hervorgebracht. Esperanto ist in zahlreichen historisch bedeutsamen Werken vertreten oder hat sie inspiriert; von Charlie Chaplin’s „Der große Diktator“ bis zum Freundeskreis-Album „Esperanto“ (Sogar negative Vorbildfunktion z.B. für Orwell’s „Newspeak“. Die Esperanto-Kultur hat eigene Praktiken, Institutionen, Zeitschriften und einen eigenen Slang.

6. Esperanto ist eurozentrisch

Kritik: Obwohl Esperanto den Anspruch hat, eine universelle und „neutrale“ Weltsprache zu sein, sind Phonologie, Grammatik und Vokabular stark (bzw fast ausschließlich) nach germanischen, romanischen und slawischen Sprachen modelliert.

  • Verteidigung: Die Grammatik ist nicht sehr typisch europäisch und in ihrer Einfachheit universell verständlich. (*idealistische Sichtweise)
    • Gegenargument: Auch wenn der agglutinative Wörterbau davon ablenkt, sind sehr viele Elemente der Grammatik nach europäischem Vorbild modelliert (vermutlich unabsichtlich). Beispiele sind insbesondere die Verwendung eines Artikels, die Akkusativ-Markierung (und adjektivische Übereinstimmung), die Unterteilung der Personalpronomen, die Doppelfunktion von Fragewörtern als Relativpronomen, zusammengesetzte Zeiten, das Zahlensystem und die Syntax.
  • Verteidigung: Das Vokabular ist zwar sehr europäisch, aber da europäische Sprachen und Wörter auf der ganzen Welt verbreitet sind, ist Esperanto für Menschen in nicht-westlichen Kulturen leicht zu lernen. (*pragmatische Sichtweise)
    • Gegenargument: Mit dem gleichen Argument lässt sich auch die Dominanz von Englisch und anderen Kolonialsprachen rechtfertigen.
    • Gegenargument: Außerdem berücksichtigt Esperanto nicht wirklich den internationalen Wortschatz. Manche weltweit bekannten Wörter sind durch Schreibung oder abweichende Endung nicht ohne weiteres zu erkennen; andere sind sogar komplett durch zusammengebaute Wörter ersetzt (siehe Teil 2).
  • Verteidigung: Was wäre die Alternative? Eine Mischung aus europäischen Sprachen und nicht-westlichen Sprachen wäre so bizzar, dass es keiner der Sprachen mehr ähneln würde. Oder wenn wir den Wortschatz gleichmäßig aus jeder Sprache der Welt ableiten würden, wäre für jeden Sprecher 99% der Wörter unkenntlich.
    • Gegenargument: Man kann natürlich nicht alle 7000 Sprachen gleich repräsentieren. Aber man könnte stärker weit verbreitete nicht-westliche Sprachen und Wörter berücksichtigen. Es gibt einige Wörter die sich in zahlreichen Sprachen Asiens finden z.B. bhasa/bahasa (Sprache), cha/chai (Tee), kitab (Buch), penir (Käse).
    • Gegenargument: Genau so wie in Esperanto die Bevorzugung des männlichen Geschlechts reale Verhältnisse widerspiegelt (siehe Punkt 7), spiegelt die Bevorzugung europäischer Sprachen die globale Dominanz westlicher Kulturen wieder. Das widerspricht völlig dem angeblichen Geist von „universal understanding, solidarity and peace“.

7. Esperanto ist sexistisch

Kritik: In Esperanto ist für eine Reihe von Substantiven (insbesondere Berufe und Verwandtschaftsbezeichnungen) die unmarkierte Form männlich, während die weibliche Form durch ein Anhängen von -ino markiert wird z.B. patro = „Vater“, patrino = „Mutter“. Ferner muss man das Präfix ge- verwenden, um im Plural beide Geschlechter zu beinhalten: patroj = „Väter“, gepatroj = „Eltern“. Diese inhärente Bevorzugung des männlichen Geschlechts. Ferner wird manchmal das Fehlen eines geschlechts-neutralen Personalpronomens in der 3. Person kritisiert.

  • Verteidigung: Natürliche Sprachen haben das gleiche Problem… Niemand würde auf die Idee kommen, Englisch wäre sexistisch, weil waitress von waiter kommt oder woman von man.
    • Gegenargument: Das ist wahr, aber diese Schwäche vieler natürlicher Sprachen (die in einer Zeit entstanden sind, als Frauen auch kulturell nur Bürger zweiter Klasse waren), hätte sich für eine Plansprache, die für Freiheit und Gleichberechtigung steht, vermieden werden können.
  • Verteidigung: Dadurch dass z.B. patro und patrino beide von der gleichen Wurzel abstammen, müssen weniger Wörter gelernt werden.
    • Gegenargument: Trotzdem hätte die Bevorzugung des männlichen Geschlechts dadurch vermieden werden können, dass die unmarkierte Form beide Geschlechter beinhalten kann („ein Elter“), während es jeweils eine Endung für spezifisch männliche und eine weitere für spezifisch weibliche Personen geben könnte.
  • Verteidigung: Eine zusätzliche Endung für männliche Formen macht die Wörter unnötig lang, die unmarkierte Form als männlich zu deklarieren, ist ökonomischer.
    • Gegenargument: Sexismus durch ökonomische Argumente zu verteidigen ist immer noch Sexismus. Warum ist die männliche Form der Standard und nicht die weibliche? Esperanto reproduziert und verstärkt hier bestehende Ungleichheit, statt entgegenzuwirken.
  • Verteidigung: Mittlerweile wird die unmarkierte Form eher als geschlechtsneutral angesehen. Spezifisch männliche Formen können durch die Vorsilbe vir- markiert werden. Darüber hinaus gibt es eine Reihe von Reformen, die diese Schwäche noch weiter ausgleichen.
    • Gegenargument: Die Konvention hat sich nicht wirklich durchgesetzt. Die meisten Sprecher verwenden immer noch patro für Vater und nicht virpatro. Auch die Akademio de Esperanto hält an den alten Geschlechts-Konventionen fest. Und warum hat die weibliche Form überhaupt einen Suffix, die männliche aber einen Präfix?
  • Verteidigung: Eine Umfrage von Puškar (2015) zeigte, dass nur 3% der Befragten Esperanto sexistisch finden, während 88% das ablehnten.
    • Gegenargument: Die Umfrage wurde unter Esperantisten durchgeführt, die natürlich einen starken Bias haben. Ganz abgesehen davon ist es völliger Unsinn aus Mehrheits-Meinungen Wahrheiten abzuleiten. Welchen Sinn hätte es, AfD-Anhänger zu befragen, ob die AfD ihrer Meinung nach fremdenfeindlich sei?

8. Esperanto muss reformiert werden

Kritik: Esperanto hat viele Elemente in Wortbildung, Schreibung, Grammatik etc, welche man leicht durch eine Reform lösen könnte. Dadurch wäre die Sprache viel eleganter, logischer und würde eher dem Anspruch einer neutralen Weltsprache genügen.

  • Verteidigung: Linguistik hat den Anspruch deskriptiv zu sein, das heißt Sprachen zu beschreiben aber nicht zu bewerten. Somit ist Kritik an Esperanto unfair; niemand kritisiert Unregelmäßigkeiten im Deutschen wie z.B. die Umlaute oder die Ablaute in Verben.
    • Gegenargument: Da Plansprachen auf dem Reißbrett mit konkreten Zielstellungen entworfen werden, ist es sinnvoll zu evaluieren, ob sie ihren Zielstellungen genügen. Da es bei Esperanto Diskrepanzen zwischen Ist-Zustand und Sollen-Zustand gibt, ist es legitim, auf diese hinzuweisen. Natürliche Sprachen dagegen haben keine Ziele sondern haben sich in ihrer Sprachgemeinschaft entwickelt.
  • Verteidigung: Zamenhof ließ schon 1894 die Community darüber abstimmen, ob einige vorgeschlagene Reformen implementiert werden sollen. Diese sind die gleichen, die heute oft kritisiert werden (Akkusativ-Markierung, Sonderzeichen etc). Schon damals wurden diese Reformen abgelehnt, um eine stabile Sprache zu schaffen.
    • Gegenargument: Es ist fragwürdig, ob „Abstimmungen“ eine geeignete Methode der Sprachentwicklung und Sprachssteuerung sind, erst recht wenn diese Abstimmung nur einmalig durchgeführt wird und diese Entscheidung dann für alle Ewigkeit gilt. Und gerade die Tatsache, dass die gleichen Punkte, die Zamenhof selbst damals ändern wollte, heute immer noch kritisiert werden, zeigt wie gravierend diese Mängel sind!
  • Verteidigung: Die Einheit von Esperanto muss bewahrt werden. Denn wenn man unkontrollierte Veränderungen zulassen würde, würde Esperanto in Dialekte zerfallen und wäre somit nicht mehr eine universelle Weltsprache.
    • Gegenargument: Die Geschichte zeigt, dass internationale linguae francae einen gewissen Spielraum erlauben und trotzdem allgemein verständlich bleiben. Latein durchlief von der Antike bis ins Mittelalter viele Veränderungen in Phonologie, Grammatik und Wortschatz und blieb trotzdem überall in Europa verstandene Verkehrssprache. Und das heutige „Global English“ ist in sich viel einheitlicher als z.B. die Dialekte innerhalb Englands.
    • Gegenargument: Außerdem würden sich gezielt geplante Reformen global durchsetzen und die Einheit nicht gefährden.
  • Verteidigung: Esperanto wird bereits von Millionen von Sprechern gesprochen und hat einen riesigen Korpus an bestehender Literatur. Eine Reform würde dazu führen, dass alle Sprecher die Sprache neu lernen müssten; außerdem würde man die alte Literatur nicht mehr verstehen oder umschreiben müssen.  (*pragmatische Sichtweise)
    • Gegenargument: Natürliche Sprachen entwickeln sich auch weiter. Deutsche Texte aus dem Jahr 1800 sind auch schwerer zu verstehen und Texte aus dem Jahr 1500 sowieso. Deswegen werden alte Texte immer wieder neu aufgelegt, um die Verständlichkeit den neuen Normen anzupassen. Moderate Reformen könnten dazu führen, dass das „alte“ Esperanto noch relativ gut verständlich bleibt.
  • Verteidigung: Es gab ja schon viele „Reform-Esperantos“, wie z.B. Mundolinco, Ido, Romániço oder Glosa. Sie haben sich alle nicht durchgesetzt.  (*pragmatische Sichtweise)
    • Gegenargument: Hier argumentieren Esperanto-Anhänger immer so wie es ihnen gerade passt. Wenn es um Konkurrenz zu natürlichen Sprachen oder um das „Scheitern“ von Esperanto geht, wird idealistisch argumentiert. Wenn es um die Konkurrenz zu anderen Plansprachen geht, wird plötzlich pragmatisch argumentiert. Man kann nicht Beides haben!

Fazit

Ein Teil der Kritik ist ungerechtfertigt
Insbesondere die Behauptungen, dass Esperanto unnatürlich sei, keine (eigene) Kultur habe und dass Esperanto die Sprachvielfalt gefährden soll,  sind leicht zu widerlegen. Auch dass Esperanto ein totales Desaster sei, ist angesichts der lebendigen weltweiten Community ungerechtfertigt.
(Trotzdem hat Esperanto sein Ziel nicht erreicht. Es ist als internationale Welthilfssprache konzipiert worden, stattdessen fristet es ein Nischen-Dasein als ein weltweit geteiltes Hobby von Idealisten und „Proto-Couchsurfern“.)

Esperanto-Anhänger argumentieren Widersprüchlich!
Welche Sprache sollte Weltsprache sein?
Die meist verbreitete → pragmatische Sichtweise
Die beste   → idealistische Sichtweise
Man kann nicht beides haben! Esperanto-Verteidiger springen in der Diskussion allerdings zwischen beiden Positionen hin und her, je nachdem welche Sichtweise Esperanto besser da stehen lässt.  Wenn es um Konkurrenz zu natürlichen Sprachen oder um das „Scheitern“ von Esperanto geht, wird idealistisch argumentiert („Jeder sollte die beste Sprache lernen und die ist Esperanto“). Wenn es um mögliche Reformen oder die Vorteile von anderen Plansprachen geht, wird plötzlich pragmatisch argumentiert („Esperanto ist schon verbreitet, also sollte man Esperanto sprechen und zwar so wie es jeder tut und keine andere Sprache“). Diese offensichtliche Inkonsistenz untergräbt fast jede Esperanto-Apologetik.

Wenn sich für die pragmatische Sichtweise entscheidet…
…dann gibt es keinen Grund das Projekt Esperanto weiter zu verfolgen oder zu fördern, da es schon genug andere linguae francae gibt, die erfolgreicher sind.

Wenn sich für die idealistische Sichtweise entscheidet…
…dann muss man die Frage stellen: Ist Esperanto die beste Sprache? Wie wir gesehen haben, sind zwei große Schwächen schon der inhärente Sexismus und Eurozentrismus. Weiterhin müssen wir uns die Frage stellen: Ist Esperanto wirklich so simpel, klar und elegant wie behauptet wird? Mehr dazu in Teil 2

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