Die Getränkestudie Teil 5: Bier-Limonade-Mischung

Karte_W4Die Frage lautete „Wie nennt man eine Mischung aus Bier und (Zitronen-)Limonade?“

Teil 1 – Einführung
Teil 2 – Mineralwasser
Teil 3 – Zitronenlimonade

Teil 4 – Cola-Limonade-Mischung

Auf der Karte sind die Erst- und Zweitvarianten für alle verfügbaren Regionen dargestellt. Im Folgenden eine ausführliche Analyse der einzelnen Bezeichnungen und der historischen Veränderungen.

W4_RadlerDie häufigste und am meisten verbreitete Variante ist Radler. Der Begriff ist eine Verkürzung von Radlermaß, welches aus Bayern stammt und bereits im Buch „Erinnerungen einer Überflüssigen“ von Lena Christ aus dem Jahr 1912 gebraucht wird; möglicherweise ist der Begriff noch älter. Heute ist Radler in Österreich, Südtirol und dem Großteil von Süd- und Mitteldeutschland die einzige Variante. Die Bezeichnung von Biermischgetränken auf dem internationalen Markt zeigt, dass der Begriff Radler mittlerweile sogar in anderen europäischen Sprachen Einzug findet.

W4_AlsterAuch die Herkunft der Bezeichnung Alsterwasser lässt sich gut nachweisen: Die Alster ist ein Nebenfluss der Elbe, welcher im Hamburger Stadtgebiet einen See bildet und für sein trübes Wasser bekannt ist, an welches die Farbe des Getränks erinnert. Alsterwasser und seine Kurzform Alster bilden die Hauptvariante in Niedersachsen, Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Vorpommern, Radler ist jedoch auch in diesen Gebieten üblich. Weiter südlich ist der Begriff noch teilweise üblich, jedoch weniger als Radler. In diesen Kontaktgebieten hat außerdem häufig eine Bedeutungsverschiebung stattgefunden: Mehrere Gewährpersonen aus dem Rheinland, Ruhrgebiet und Westfalen (sowie eine Person aus Berlin) berichteten, dass sie Radler und Alster/Alsterwasser für zwei verschiedene Getränke gebrauchen würden: Radler für eine Mischung aus Bier und Zitronenlimonade, Alster(wasser) für eine Mischung aus Bier und Orangenlimonade.

W4_PanaschDie Varianten Panaschee und Panasch kommen vom Französischen „panaché“, was „gemischt“ bedeutet. Die beiden Begriffe finden sich daher ausschließlich in Regionen mit großem Kontakt zum französischen Sprachgebiet: dem deutschsprachigen Belgien, Luxemburg, dem Saarland, Mittelbaden und der Deutschschweiz. Das Verbreitungsgebiet legt den Schluss nahe, dass das Wort mehrmals unabhängig voneinander entlehnt wurde. In Deutschland und Belgien tritt die Bezeichnung nur als Zweitvariante neben dem häufigeren Radler auf, in Luxemburg, Liechtenstein und der Schweiz als Hauptvariante. Im Saarland, Baden und der Schweiz werden beide Varianten gleichwertig verwendet, ohne dass sich einen Unterschied in der regionalen Verteilung zeigt. Aus Luxemburg und Belgien wurde dagegen ausschließlich Panaschee mit -e berichtet.

W4_gespritztesDas Wort Gespritztes kann je nach Region völlig unterschiedliche Mischgetränke bezeichnen: In Österreich eine Mischung aus Wein und Mineralwasser, in Hessen eine Mischung aus Apfelwein und Mineralwasser, im Saarland eine Mischung aus Bier und Cola etc. In der Bedeutung als Mischung aus Bier und Limonade wird Gespritztes hauptsächlich aus dem südlichen Baden und der östlichen Schweiz (sowie Liechtenstein) berichtet. Ob diese beiden Gebiete miteinander in Verbindung stehen, lässt sich nicht erkennen. In den verstreuten Nennungen aus anderen Gebieten des Sprachraums lässt sich kein geographisches Muster erkennen; die etwas höheren Konzentrationen in Pfalz, Saarland und Rhein-Main-Gebiet sind möglicherweise Echos einer Verwendung des Begriffs mit anderer Bedeutung.

W4_potsdamerDer Begriff Potsdamer leitet sich von der Bezeichnung der Glasform „Potsdamer Stange“ ab und wird von Wörterbüchern für den Raum Berlin-Brandenburg berichtet. In dieser Studie lässt sich diese Bezeichnung jedoch nur noch in Spuren in den neuen Bundesländern erkennen; Radler und Alsterwasser sind überall üblicher.

Daneben wurden keine weiteren Varianten mehr berichtet. Aus Bayern und Österreich wurde öfter auf Russ(e) als Mischung aus Weizenbier und Limonade hingewiesen. Besonders häufig kam aus Vorarlberg der Hinweis, dass zwischen Süßes Radler (Mischung aus Bier und Limonade) und Saures Radler (Mischung aus Bier und Mineralwasser) unterschieden werde.

Historischer Vergleich

WDU_W4Ein Vergleich der WDU-Karte mit den heutigen Daten zeigt massive Veränderungen in der Verbreitung der Varianten. Am Auffälligsten ist die massive Ausbreitung von Radler: Bis in die 80er war Radler flächendeckend nur in der Pfalz, Schwaben, Franken, Bayern, und dem westlichen Österreich zu finden. Im Norden wurde es von einem breiten Streifen von Luxemburg bis Sachsen begrenzt, in dem dieses Getränk gar nicht bekannt war. Seither hat Radler fast das komplette Österreich und Deutschland erobert. Lediglich im Kerngebiet des Alster(wasser)s in Norddeutschland bildet Radler nur eine Nebenvariante; doch auch hier ist Radler noch auf dem Vormarsch, was ein Vergleich der aktuellen Daten mit einer Umfrage von 2003 (Daniel Starrmann auf zumsel.de) zeigt. Im Vergleich zu den 80ern konnte sich Alsterwasser jedoch immerhin auf den Norden der neuen Bundesländer (wo es vorher unbekannt war) ausbreiten. Eine weitere historische Tendenz ist auch in der Kürzung der beiden Varianten: Alsterwasser wurde immer öfter zu Alster verkürzt und Radlerhalbe oder Radlermaß zu Radler (hier sind die beiden Langformen praktisch ausgestorben).

Viele der im WDU berichteten kleinräumlichen Varianten wurden verdrängt: Das im Emsland und Münsterland übliche Tango und das verstreut zu findende Fliegerbier sowie Ententeich aus Sachsen-Anhalt sind komplett ausgestorben und das in Berlin-Brandenburg und Teilen Norddeutschlands verbreitete Potsdamer findet sich nur noch in Spuren.

Relativ stabil geblieben ist dagegen Gespritztes, welches sich nach wie vor im südlichen Baden findet, heute aber gegenüber Radler in den Hintergrund getreten ist. In der östlichen Schweiz konnte sich Gespritztes sogar ausbreiten – trotz der Konkurrenz durch Panasch(ee).

Da der W.D.U. den Begriff in zwei verschiedenen Erhebungen abfragte, lässt sich das Auftauchen von Panaschee zeitlich relativ gut lokalisieren: Von 1970-1976 erscheint es nur vereinzelt im Westen, 1978-1990 ist es fast in der kompletten Schweiz die Hauptvariante. Da es hier jedoch noch nicht für Deutschland oder Luxemburg berichtet wird, muss es in diesen Regionen später entlehnt worden sein als in der Deutschschweiz.

Wenn Ihnen diese Studie gefallen hat, würde ich mich freuen, wenn Sie an meiner zweiten Befragung zum regionalen Sprachgebrauch teilnehmen!

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