Die Getränke-Studie Teil 3: Zitronenlimonade

Karte_W2Um keine Variante zu bevorzugen lautete die Frage „Wie nennt man kohlensäurigehaltiges Wasser mit Zucker und Zitronengeschmack?“. Hiermit sollte ausschließlich auf die ungefärbte Form abgezielt werden, die gelegentlichen Nennungen von Fanta (13 Gewährpersosnen) zeigen jedoch, dass manche Gewährpersonen auch gefärbte Orangenlimonade im Sinn hatten.

Teil 1 – Einführung
Teil 2 – Mineralwasser
Teil 4 – Cola-Limonade-Mischung
Teil 5 – Bier-Limonade-Mischung

Auf der Karte sind die Erst- und Zweitvarianten für alle verfügbaren Regionen dargestellt. Im Folgenden eine ausführliche Analyse der einzelnen Bezeichnungen und der historischen Veränderungen.

 

W2_limoLimonade kommt aus dem Französischen und wurde bereits im 17. Jahrhundert ins Deutsche entlehnt. Zusammen mit der Kurzform Limo ist es insgesamt die üblichste Variante. Erneut wurden die beiden Bezeichnungen zusammengefasst, da sich kein bedeutsamer regionaler Unterschied erkennen lässt. Die Kurzform Limo ist dabei im Durchschnitt etwas üblicher. Das Begriffspaar Limo/Limonade ist fast überall üblich, Ausnahme bilden lediglich Baden-Württemberg, das östliche Österreich und die Schweiz. Alleinige Hauptvariante ist Limo/Limonade im westlichen Deutschland, Belgien, Luxemburg, großen Teilen von Bayern und Franken sowie Vorarlberg, Tirol und Südtirol.

W2_brauseBrause wird vom Duden als „umgangssprachlich veraltend“ berichtet, die Datenlage spricht aber eindeutig gegen ein Veralten der Bezeichnung. In dieser Umfrage wird Brause in vielen Regionen in Mitteldeutschland und Ostdeutschland als Hauptvariante berichtet. Auch in Schleswig-Holstein und dem östlichen Niedersachsen finden sich Brause und Limo/Limonade als gleich übliche Synonyme. Daneben findet sich auch verstreut größere Konzentrationen in Westfalen, dem Münsterland, Mittelfranken und Oberbayern.

W2_sprudelSprudel wird in einem Streifen von Ostfriesland über das Weser-Ems-Gebiet und Ostwestfalen bis nach Nordhessen berichet. Weiterhin findet man die Bezeichnung häufiger in Südwestdeutschland, wo es jedoch fast vollständig von Süßer Sprudel überlagert wird. Auffällig ist jedoch ein breiter Streifen an der Westgrenze des Bundeslandes Bayern, teilweise auch in Gebieten in denen Süßer Sprudel unüblich ist. Mehr zur komplexen Verwendung des Begriffs Sprudel (welcher auch häufiger für Mineralwasser verwendet wird) weiter unten.

W2_sprudelsuessSüßer Sprudel dominiert in einem geographisch klar umgrenzten Gebiet in Südwestdeutschland; dieses besteht aus der Pfalz, ganz Baden-Württemberg, dem westlichen und südlichen Bayrisch-Schwaben sowie dem westlichen Mittelfranken. In diesen Gebieten bildet Süßer Sprudel meist ein Begriffspaar mit Saurer Sprudel. Im schwäbischen Raum existiert als dritte Variante Gelber Sprudel für Orangenlimonade, da dieser Begriff jedoch nicht abgefragt wurde, lässt sich nichts über das Verbreitungsgebiet sagen. Eine auffällige „Exklave“ ist die Verwendung von Süßer Sprudel in Teilen Nordhessens.

W2_kracherlKracherl (oder Gracherl) leitet sich vermutlich vom „krachenden“ Geräusch ab, welches das Öffnen von Kugelverschlussflaschen, in denen Limonade früher verkauft wurde, auslöste. Wie der typisch bairische Diminutivsuffix andeutet, findet sich die Bezeichnung geographisch eng umgrenzt fast ausschließlich in Österreich und Bayern (hier Oberbayern und Niederbayern). In Vorarlberg, Tirol und Südtirol sowie dem Münchener Raum und dem westlichen Oberbayern fehlt die Bezeichnung fast vollständig.

W2_bloeterliwasserBlöterliwasser bezeichnet neben Mineralwasser ohne Zucker und Geschmack gelegentlich auch Limonade; in dieser Bedeutung wurde es etwas häufiger aus Luzern, Glarus und St Gallen berichet; die meisten Schweizer Gewährpersonen berichteten den Begriff in dieser Bedeutung jedoch als unüblich. Auch die Varianten Springerl und Spratzelwasser ließen sich erneut nur in Spuren erkennen.

W2_citroÜberraschenderweise bildet keine der vorgegebenen Varianten in der Schweiz die Hauptform; Blöterliwasser wird meistens für Mineralwasser verwendet und Limo/Limonade ist in der Schweiz trotz des französischen Ursprungs eher unüblich. Stattdessen wurde von 57% der Gewährpersonen die Bezeichnung Citro (in 18% der Fälle Zitro geschrieben) berichtet. Diese Bezeichnung leitet sich vermutlich von der Marke „Elmer Citro“ aus dem Kanton Glarus ab; aufgrund der Daten des WDU (s.u.) scheint der umgekehrte Fall, dass die Marke nach einem vorher gebräuchlichen Begriff benannt wurde, unwahrscheinlich (Elmer Citro wurde bereits 1927 gegründet, während im WDU keine Meldungen für Citro vorliegen).

Aus Teilen der Zentralschweiz wurden auch die Bezeichnungen Mineral mit Schnitz, Schnitz oder Schnitzwasser berichtet. Über die Etymologie lässt sich in der Literatur nichts finden; vermutlich stammt der Ausdruck von der Praxis, Mineralwasser mit einem frischen Zitronenschnitz zu versehen.

Der Markenname Sprite wurde insgesamt 61 mal als generische Bezeichnung berichtet, jedoch breit gestreut über das gesamte Sprachgebiet ohne geographische Muster.

Die Bedeutung von „Sprudel“

sprudel_vs_sprudelWas bekommt man, wenn man in einem Restaurant „ein Glas Sprudel“ bestellt? Die Karte zeigt auf die Regionen bezogen, wo Sprudel für Mineralwasser und wo für Limonade verwendet wird.  Insgesamt dominiert erstere Bedeutung fast überall. Besonders in Westfalen und Nordhessen kann Sprudel beide Begriffe bezeichnen, es gibt jedoch keine attributive Unterscheidung wie in Südwestdeutschland (grünes Gebiet). Ein solches System ist aufgrund der Mehrdeutigkeit eher instabil und tatsächlich scheint Sprudel für Limonade im Rückgang zu sein (s.u.). Auch im Gebiet Donau-Ries-Illingen existieren beide Varianten nebeneinander; warum sich die attributive Unterscheidung zwischen Süßer Sprudel und Saurer Sprudel aus den benachbarten Gebieten noch nicht durchgesetzt hat, ist unklar.

Historischer Vergleich

WDU_W2Ein Vergleich von den Daten dieser Studie mit denen des W.D.U. gibt einige Aufschlüsse über die historische Entwicklung der verschiedenen Varianten in den letzten vier Jahrzehnten. Eine gewisse Übereinstimmung ist nicht zu übersehen, viele geographische Muster finden sich auch heute noch: Brause findet man im Norden und Nordosten, Sprudel im Nordwesten, Süßer Sprudel in Südwestdeutschland, Kracherl in Österreich und Teilen Bayerns und im Raum dazwischen Limo/Limonade (besonders Rheinland, Hessen, Sachsen, Franken und Bayern). Dabei haben jedoch einige territoriale Verschiebungen dieser Hauptvarianten ergeben:

Am dramatischsten ist der Rückgang von Sprudel zugunsten von Limo. Bildete Sprudel in den 70ern und 80ern noch die Hauptvariante im gesamten Nordwesten, ist es am Ruhrgebiet und Niederrhein völlig durch Limo verdrängt und auch im restlichen Gebiet fast überall zurückgegangen; der heutige Sprudel-Streifen von Ostfriesland nach Nordhesssen ist nur noch der Restbestand eines einst viel größeren Gebiets. Offensichtliche Erklärung ist eine Bedeutungsverschiebung zugunsten von Sprudel als Mineralwasser, besonders in Nordrhein-Westfalen; vermutlich wurde aufgrund der Ambiguität des Begriffs Sprudel für Limonade zunehmend auf die eindeutige Variante Limo/Limonade ausgewichen.

Auch der Gebrauch von Brause ist gegenüber Limo zurückgegangen, jedoch viel weniger dramatisch als Sprudel; während es zwar fast überall mit Limo konkurriert, ist das Verbreitungsgebiet ungefähr gleich geblieben.

In Südwestdeutschland lässt sich eine Stabilisierung der Bezeichnung Süßer Sprudel erkennen: Wies sie in den 70ern noch ein diffuses Gebiet auf und variierte mit Sprudel, so weist das heutige Gebiet klare Außengrenzen auf und Süßer Sprudel ist fast überall üblicher als Sprudel (was stattdess Mineralwasser bezeichnet). Hier konnte vermutlich die klare Differenzierung zwischen den beiden Varianten helfen, eine Verdrängung durch Limo zu verhindern. In den WDU-Daten lässt sich die Süßer-Sprudel -Exklave in Nordhessen noch nicht erkennen; ihre Herkunft bleibt weiterhin ein Rätsel.

Auch die Bezeichnung Kracherl hat sich stabilisiert: Im westlichen Österreich und Oberbayern ist es zugunsten von Limo zurückgegangen, konnte sich im östlichen Österreich jedoch als Hauptvariante durchsetzen und ist auch in Niederbayern als Zweitvariante stabil geblieben.

Eine dramatische Veränderung lässt sich für die Schweiz erkennen: Die heutige Hauptvariante Citro wurde im WDU noch gar nicht gemeldet, stattdessen konkurrierten Blöterliwasser und Mineralwasser. Ersteres ist stark zurückgegangen und letzteres komplett verschwunden; vermutlich konnte sich das (eindeutige) Citro aufgrund der hohen Ambiguität der beiden Begriffe innerhalb kurzer Zeit durchsetzen. Auch die im WDU für Südtirol berichtete Hauptvariante Aranciata (aus dem Italienischen) ist mittlerweile verschwunden und durch Limo ersetzt.

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