Die wunderbare Welt der hochdeutschen Vokale

schema_vokalismusVom Mittelhochdeutschen unterscheidet sich das Neuhochdeutsche wesentlich im Vokalsystem; diese Veränderungen haben jedoch nicht in allen hochdeutschen Sprachen auf die gleiche Art und Weise stattgefunden, so dass heute der gleiche mittelhochdeutsche Vokal je nach Dialekt zu total verschiedenen Lauten weiterentwickelt haben kann. Drei systematische Veränderungen sollen genauer beleuchtet werden.

Hinweis zu Beginn: Die drei Prozesse werden hier sehr verallgemeinert dargestellt, um das allgemeine Schema ersichtlich zu machen. Die Karten und Wortbeispiele entsprechen (aufgrund von zusätzlichen oder unsystematischen Veränderungen) nicht immer den realen Dialekten; die Wahrheit ist aber oft sehr nah.

Diphthongierung

diphthongierungDie älteste Veränderung ist die Diphthongierung, bei welcher die mittelhochdeutschen Vokale ū [uː], ī [iː] und iu [yː] sich zu au [aʊ], ei [aɪ] und eu [ɔʏ] entwickelten. So werden die ursprünglichen Wörter Huus, Iis und niu zum standarddeutschen Haus, Eis und neu. Die Diphthtongierung begann im 12. Jahrhundert im südlichen Österreich und breitete sich nach Norden aus; unberührt sind bis heute jedoch Alemannisch, Ripuarisch, Niedlothringisch und Niederhessisch mit West-Thüringisch; in diesen Gegenden kann man oft heute noch Huus hören. So ist Müsli ist im Schweizer Alemannischen auch ein Mäuschen, kein Frühstück!

Monophthongierung

monophthongierungEine weitere Veränderung begann in Mitteldeutschland: Die ursprünglichen Diphthonge uo [uə], ie [iə] und üe [yə] wurden zu u [uː], ie [iː] und ü [yː]. Aus guät, liäb und müäde wurden guut, liib und müüde. Die deutsche Schreibung von ie für [iː] ist Relikt eines älteren Laustandes, bei dem „lieb“ tatsächlich [liəp] ausgesprochen wurde. Die Monophthongierung hat alle mitteldeutschen Sprachen sowie Teile des Hochfränkischen erfasst, die oberdeutschen Sprachen behalten dagegen größtenteils den ursprünglichen Lautstand. Das Nordbairische hat eine besondere Entwicklung der Laute uo, ie und üe durchgemacht, dazu später mehr.

Entrundung

entrundungEine dritte Veränderung eliminierte aus den meisten deutschen Sprachen die gerundeten Vorderzungenvokale ö [øː], ü [yː] und äu [ɔɪ], die zu den ungerundeten Lauten e [eː], i [iː] und ai [] wurden: schön, grün und Leute wurden zu schee(n), griin und Lait(e). Auch kurzes ö [œ] und ü [ʏ] sind betroffen, sie wurden zu e [ɛ] und i [ɪ]: Brücke und Löffel zu Bricke und Leffel. Fast alle deutschen Sprachen haben die Entrundung mitgemacht, nicht betroffen sind Ripuarisch, Hochalemannisch, Teile des Oberfränkischen und Standarddeutsch. Die Entrundung wurde früher auch mündlich im Standarddeutschen verwendet, wovon noch einige früher ungerundete Wörter zeugen (z.B. Pilz und Kissen).

Diphthongierung und Monophthongierung

diphundmonoMan kann davon ausgehen, dass diese beiden Veränderungen unabhängig voneinander stattgefunden haben; auf jeden Fall muss die Diphthongierung jedoch vor der Monophthongierung stattgefunden haben, da es sonst gar kein , iː oder yː mehr gäbe. Bairisch und Schwäbisch (und teilweise Ostfränkisch) haben nur die Diphthongierung, aber nicht die Monophthongierung: Dadurch haben sie besonders viele Diphthonge.  Ripuarisch, Lothringisch und Westthüringisch-Niederhessisch sind das genaue Gegenteil: Sie haben die Monophthongierung, aber nicht Diphthongierung mitgemacht. Dadurch sind die ursprünglichen Dipththonge und Monopthonge verschmolzen: ū und uo zu ī und ie zu , iu und üe zu . Diese Sprachen haben dadurch besonders wenige Diphthonge.

Diphthongierung & Entrundung:

diphundentrDer Zusammenfall von Diphthongierung und Entrundung ist besonders interessant, weil beide den ursprünglichen Vokal iu [yː] (wie z.B. in Häuser, neu oder Feuer) betreffen. Dadurch sind vier verschiedene Ergebnisse möglich: Im Ripuarischen und Hochalemannischen (und einem kleinen Streifen um die Rhön) bleibt er wie im Mittelhochdeutschen. Wenn der Laut nur entrundet wird wird er zu – das gibt es beispielsweise im Badischen und Elsässischen, aber auch im Niederhessisch-Westthüringischen. Dipthongiert, aber nicht entrundet wird der Laut zu ɔɪ, wie das im Standarddeutschen, aber auch Teilen des Ostfränkischen geschehen ist. Wird diese diphthongierte Form schließlich noch entrundet, wird der Laut zu , wie es im Moselfränkischen, Rheinfränkischen, Südfränkischen, Schwäbischen, Bairischen, Jiddischen und Ostmitteldeutschen vorkommt. Im südwestlichen Thüringen finden wir auf relativ engem Raum alle vier Formen.

Monophthongierung & Entrundung:

entrundmonoEin ähnliches Phänomen zeigt sich, wenn Monophthongierung und Entrundung zusammenkommen: Beide Verändern den ursprünglichen Laut üe [] z.B. in müde, Füße oder Kühe. Die ursprüngliche Lautung findet sich wie immer im Hochalemannischen (und in einem Teil des Ostfränkischen). Nur entrundet, aber nicht monophthongiert wird der Laut zu iə (Elsässisch, Badisch, Schwäbisch, Bairisch). Monopthongiert aber ungerundet wird der Laut zu , diesen Lautstand finden wir im Ripuarischen und Teilen des Ostfränkischen aber auch im Standarddeutschen vor. Erst Monophthongiert und dann entrundet wird der Laut zu z.B. im Rheinfränkischen und Ostmitteldeutschen.
Interessanterweise gibt es im Ostfränkischen alle vier Formen: Um Würzburg müad; im westlichen Mittelfranken miad; im westlichen Oberfranken und nördlichen Unterfranken müüd; nördlich von Nürnberg und um Hof miid.

Gestürzte Diphthonge:

gestürztDas Nordbairische (und das Unterfränkische um Nürnberg) wurde bisher als monophthongiert aufgezählt, was nicht ganz falsch ist, aber auch nicht ganz richtig: Aus den ursprünglichen Diphthongen uo [uə]ie [iə] und üe [yə] wurden erst u [uː] und ie [iː] (kein ü wegen Entrundung!), die dann jedoch wieder diphthongiert wurden. Allerdings zu fallenden statt steigenden Diphthongen: Aus u [uː] wurde ou [ou], aus ie [iː] wurde ej [ei] – genau die umgekehrte Reihenfolge der Vokale, was man „gestürzt“ nennt. Aus guät wurde erst guut dann gout. Aus liäb wurde liib dann lejb. Aus müäd wurde miid dann mejd.
Dieses Phänomen tritt in geringerem Maße auch in einigen oberfränkischen Dialekten und den mittelhessischen Dialekten nördlich von Frankfurt auf.
Der Hianzische Dialekt in Österreich stammt teilweise vom Nordbairischen ab, hier wurde das ursprüngliche ua zu ui (Bruider, guid etc); ich habe aber keine Informationen über die historische Entwicklung dieses Lautes gefunden.

Verschmelzung alter und neuer Diphthonge:

Nicht alle au-, ei- und äu-Laute des Standarddeutschen sind durch Diphthongierung  entstanden. Im Mittelhochdeutschen gab es noch eine weitere Reihe von Diphthongen, denen wir bisher noch keine Beachtung geschenkt haben: ou [ou], ei [ei] und öu [øu] z.B. in „Baum“, „Stein“ und „Bäume“. Diese alten Diphthonge sind mit den aus ū [uː]ī [iː] und iu [yː] neu entstandenen Diphthongen verschmolzen: So reimen sich im Standarddeutschen mein und Bein, im Mittelhochdeutschen hieß es jedoch mīn bein. Außer im Standarddeutschen findet man diese Verschmelzung eher selten; in den meisten hochdeutschen Mundarten haben sie nicht stattgefunden; das kann vier verschiedene Gründe haben:

  • Das Alemannische ist auf dem ursprünglichen Lautstand geblieben, so dass es Huus („Haus“) gegen Baum/Boum steht, Ziit („Zeit“) gegen Flaisch/Fleisch usw. Auch die Niederhessisch-Westthüringischen Mundarten sowie Kölsch (im Gegensatz zu den meisten anderen ripuarischen Dialekten) verbleibt auf diesem alten Stand.
  • In manchen Mundarten haben die neuen Diphthonge trotz durchgeführter Diphthongierung eine andere Qualität als die alten. Im Schwäbischen wurde beispielsweise ū zu ou, aber ou zu au, so dass Hous und Baum unterschiedliche Diphthonge haben. ī wurde zu ei oder ai, aber ei zu oa oder oi. Auch im Bairischen unterscheiden sich Stoan und Zeit. Im Jiddischen unterscheiden sich die Diphthonge in tzayt [tsaɛt] und fleysh [flɛɪʃ]; ū und ou sind jedoch zu oy [ɔə] verschmolzen,  ebenso iu und öu zu ay [aɛ].
  • In vielen Mundarten wurde die Diphthongierung durchgeführt, die alten Diphthonge jedoch monophthongiert, ohne dass eine Verschmelzung stattfand. Dieses Phänomen findet man in den meisten moselfränkischen, rheinfränkischen, ostfränkischen und ostmitteldeutschen Dialekten sowie häufig im Bairischen. Mittelhochdeutsches  ei wurde zu ee, ää oder aa, so dass es Fleesch, Flääsch oder Flaasch heißt. Mittelhochdeutsches ou wurde zu aa, ää oder oo, wodurch man Baam, Bääm oder Boom erhält. Aus öu wurde ebenfalls ee, ää oder aa, so dass auch der Plural von „Baum“ Baam(e), Bääm(e) oder Beem(e) lautet. Oft sind zwei, manchmal sogar alle drei der ursprünglichen Diphthonge verschmolzen; im Rheinfränkischen heißt es manchmal e Baam, zwää Bääm, manchmal auch e Bääm, zwää Bääm.
  • Eine Monophthongierung von ou, ei und öu kommt auch in einigen Mundarten vor, die keine Diphthongierung von ūī und iu kennen. Die meisten ripuarischen Dialekte haben ou und öu zu öö sowie ei zu ee verändert. In einigen alemannischen Dialekte südlich von Bern wurden ou zu ʊː, ei zu ɪː und öu zu ʏː. Aufgrund der offenen Vokalqualität bleibt der Unterschied zu , und erhalten.

Komplizierter wird das Bild noch dadurch, dass die Entwicklung für jedes der drei Phonem-Paare ū/ouī/ei und iu/öu unterschiedlich verlaufen sein kann. Um dieses komplexe Phänomen zu kartieren, sollte das für jedes Phonem-Paar einzeln geschehen:

diphan_audiphan_eidiphan_eu

Diese Karte des Atlas zur Deutschen Alltagssprache zeigt, wie die unterschiedlichen Formen, die das mittelhochdeutsche ei (hier am Beispiel von „[ich] weiß“) genommen hat, sich auch im 21. Jahrhundert noch in der Alltagssprache wiederspiegeln. Natürlich mit einigen Änderungen (Standardlautung ai fast überall in West- und Norddeutschland; Wiener hat sich deutlich ausgebreitet; oa im Schwäbischen im Rückgang).

Weitere Besonderheiten einzelner Sprachformen:

  • Das Vokalsystem des Niederdeutschen lässt sich nur bedingt mit dem der hochdeutschen Sprachen vergleichen, da es einige Laute des Mittelhochdeutschen nie gab (uo, ie, üe). Insgesamt ist das Niederdeutsche jedoch recht konservativ und behält wie beispielsweise das Alemannische die alten Monophthonge in Huus („Haus“) etc. Auch Entrundungen haben im Niederdeutschen praktisch kaum stattgefunden, was möglicherweise auch der Grund ist, warum diese wieder aus der standarddeutschen Aussprache verschwunden sind.
  • Elässisch und Walliserdeutsch haben den Laut zu verschoben. Aufgrund der vorher durchgeführten Entrundung sind die ursprünglichen Phoneme ū und iu so aber nicht verschmolzen: „Maus“ und „Mäuse“ weisen als Müüs und Miis immer noch unterschiedliche Vokalqualitäten auf. Die gleiche Entwicklung gibt es auch für öu und ou, welche zu ai und ɔʏ wurden.
  • Im Schwäbischen wurden oft auch ā und ō diphthongiert: In westlichen Dialekten heißt es Schlåf [ʃlɔːf] („Schlaf“) und daut [daut] („tot“), in östlichen Dialekten Schlauf [ʃlauf] und doat [doat].
  • Das Lechrainische vereint schwäbische und bayrische Merkmale. Sowohl mittelhochdeutsches ei (wie im Bayrischen) als auch mittelhochdeutsches ō (wie im Schwäbischen) sind zu oa geworden, wodurch diese beiden Phoneme verschmolzen sind.
  • Jiddisch hat das einfachste Vokalsystem unter den germanischen Sprachen, bei dem viele Phoneme verschmolzen sind. œ und ē wurden zu ɛɪ diphthongiert und verschmolzen so mit ei. Mittelhochdeutsches ō wurde zu ɔə diphthongiert und verschmolz so mit den ursprünglichen Phonemen ū und ou. Schließlich ist sogar die Unterscheidung zwischen kurzen und langen Vokalen verloren gegangen, so dass es nur noch 5 Monophthonge und 3 Diphthonge gibt.

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