Die südslawischen Sprachen

suedslawFast überall, wo versucht wird, gesprochene Sprachformen in Dialekte, Sprachen und Familien zu unterteilen, stößt man früher oder später auf die Diskrepanz zwischen dem Konzept der Abstandsprache und dem der Ausbausprache. Die südlawischen Sprachen sind ein besonders gutes Beispiel dafür…

1. Herkömmliche Sicht

Die herkömmliche Sicht basiert (wie sprachliche Vorstellungen bei Laien sehr häufig) auf dem Konzept der Ausbausprache; sogar ethnologue klassifiziert sie dannach. Nach der herkömmlichen Sicht gibt es sechs südslawische Sprachen:

  • Slowenisch
  • Kroatisch
  • Bosnisch
  • Serbisch
  • Mazedonisch
  • Bulgarisch

Montenegrinisch wird gelegentlich als siebte Sprache angeführt; dieses gibt es in seiner kodifizierten Form erst seit 2010, weshalb es oft ignoriert wird. Die Aufgliederung in die Sprachen Kroatisch, Bosnisch, Serbisch und Montenegrinisch basiert im wesentlichen auf der ethnischen Identität der Sprecher (die oft eng mit der religiösen Zugehörigkeit verknüpft ist) und der Verwendung der entsprechenden Standardsprachen.

Bei genauerer Betrachtung stellt man jedoch fest, dass sich die vier Standardsprachen nur minimal unterscheiden; die Unterschiede sind etwa so groß wie zwischen deutschem und österreichischem Standarddeutsch. Die Dialekte dagegen haben eine völlig eigene Dynamik – unabhängig von den Selbstbezeichnungen der Sprecher: Während beispielsweise Standard-Kroatisch und Standard-Serbisch problemlos untereinander verständlich sind, sind Čakavisch und Kajkavisch – beide werden als kroatische Dialekte gesehen – so unterschiedlich, dass die gemeinsame Verständlichkeit gering ist.

2. Linguistische Sicht

Stattdessen ignorieren die meisten Linguisten die politischen Konnotationen und gehen objektiv von einer einzigen Sprache aus – Serbokroatisch. Diese Sprache umfasst vier Gruppen von Dialekten, die untereinander sehr verschieden sind:

  • Kajkavisch wird im Norden Kroatiens gesprochen und steht dem Slowenischen am nächsten. Die Dialekte werden als Teil des Kroatischen gesehen, unterscheiden sich jedoch deutlich von den anderen Formen des „Kroatischen“.
  • Čakavisch wird an der Adria-Küste Kroatiens gesprochen (hauptsächlich auf Istrien und den Inseln). Auch das Burgenland-Kroatische in Österreich gehört zu dieser Gruppe. Alle Dialekte werden als „Kroatisch“ bezeichnet.
  • Štokavisch ist die größte Dialektgruppe, die den größten Teil der Dialekte in Serbien und Kroatien sowie alle Dialekte Montenegros und Bosnien-Herzegowinas umfasst. Je nach ethnischer Zugehörigkeit werden die Dialekte unabhängig von der linguistischen Verwandtschaft als Kroatisch, Bosnisch etc klassifiziert. Darüber hinaus gehört der Serbokroatische Prestige-Dialekt und somit alle vier Standard-Sprachen zu dieser Gruppe.
  • Torlakisch wird im Südosten Serbiens und angrenzenden Gebieten Mazedoniens und Bulgariens gesprochen. Je nach Staatszugehörigkeit werden die Dialekte als Serbisch, Mazedonisch oder Bulgarisch klassifiziert.  Dazu kommen die Kraschowaner in Rumänien (die sich als „Kroaten“ sehen) und die Gorani im Kosovo (die sich als eigene ethnische Gruppe sehen).

Aufgrund des sprachlichen Abstands kann man diese vier Gruppen auch als eigene Sprachen abgrenzen – Štokavisch wäre dann Serbokroatisch im engeren Sinne, während Čakavisch, Kajkavisch und Torlakisch  eigene (nicht-standardisierte und deshalb vom Serbokroatischen überdachte) Sprachen wären.

Torlakisch geht fließend in Mazedonisch und Bulgarisch über und teilt mit diesen beiden Sprachen so viele Merkmale (z.B. bestimmter Artikel, Kasusverlust), dass es auch zusammen mit ihnen als „Ost-Südslawisch“ gruppiert werden kann.

Die anderen Sprachen sind weniger kontrovers. Slowenisch bildet eine gute Einheit, die eine große dialektale Vielfalt zeigt und von einer Standardsprache überdacht wird. Zwei Dialekte – das Prekmurische an der Grenze zu Ungarn und das Resianische in Italien – haben eine eigene literarische Tradition und werden gelegentlich als (Mikro-)Sprachen gesehen.

Bulgarisch und Mazedonisch sind eng verwandt und lassen sich zwar als eigene Sprachen mit jeweiliger Standardisierung abgrenzen, die Dialekte gehen jedoch fließend ineinander über, was die Grenzziehung schwierig macht. Viele Bulgaren sehen daher Mazedonisch (und Torlakisch) als Teil der Bulgarischen Sprache an. Eine kleinere Kontroverse dreht sich um Mazedonisch in Griechenland – viele Griechen lehnen die Bezeichnung „Mazedonisch“ ab.

Verkompliziert wird das Ganze noch durch die Koexistenz von zwei verschiedenen Alphabeten: Dem lateinischen Alphabet im Westen und dem kyrillischen im Osten, verbunden durch eine breite Zone, in welcher beide Alphabete verwendet werden:

suedslawskr

Fazit: Wenn politische, religiöse und ethnische Labels ausgeblendet werden, kann man in der südslawischen Familie von vier bis sieben Abstandsprachen ausgehen, wobei eine davon – das Serbokroatische – einen plurizentrischen Standard mit vier verschiedenen Varianten umfasst.

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