Der Kasus-Verlust der indoeuropäischen Sprachen

casus_indoeurLebende Sprachen sind ständigen Umbauprozessen unterworfen. Die indo-europäische Ursprache war eine stark flektierende Sprache, die bei Substantiven 8 Fälle unterschied. Im Laufe der Jahrtausende haben die indoeuropäischen Sprachen jedoch immer mehr Fälle verloren – manche schneller, manche langsamer, doch die Tendenz ist ein stetiger Verlust von Fällen. Dieser Trend hält bis heute an und zeigt sich diachron wie synchron.

Die gut rekonstruierte Proto-Indoeuropäische Ursprache kannte acht Fälle:

1. Nominativ („das Haus ist rund“)
2. Genitiv („die Farbe des Hauses“)
3. Dativ („ich danke dem Haus“)
4. Akkusativ („ich sehe das Haus“)
5. Ablativ („ich komme vom Haus“)
6. Lokativ („im Haus“)
7. Instrumental („mittels des Hauses“)
8. Vokativ („O Haus!“)

Die baltisch-slawische Familie ist am konservativsten – sie hatte ursprünglich nur den Ablativ verloren und sieben Fälle beibehalten. Die baltischen Sprachen sowie Sorbisch, Polnisch, Tschechisch und Ukrainisch weisen heute immer noch alle sieben Fälle auf; Russisch, Weißrussisch und Slowakisch kennen immerhin noch sechs Fälle. Die südlawischen Sprachen dagegen zeigen von Nord nach Süd einen immer stärkeren Abbau: Slowenisch hat noch sechs Fälle; Serbokroatisch hat de facto noch fünf Fälle, wobei auch der Instrumental und der Dativ immer mehr zusammenfallen. Die südlichste Dialektgruppe des Serbokroatischen – Torlakisch – hat fast alle Kasus-Endungen eliminiert, es existiert jedoch eine Übergangszone, in welcher die Fälle allmählich verschwinden. Im Kern-Torlakischen, Mazedonischen und Bulgarischen sind alle Fälle bis aus den Vokativ zusammengefallen. Und auch der Vokativ zeigt Tendenzen zu verschwinden – beispielsweise gilt es in Bulgarien als primitiv und  unhöflich (wenn auch grammatikalisch korrekt) Frauen mit dem Vokativ anzusprechen. Bei den Personalpronomen werden noch vier Fälle unterschieden – diese sind generell oft resistenter gegen den Kasus-Verlust als andere Wortklassen.

Das Armenische ist ähnlich konservativ wie die baltischen Sprachen – auch hier gibt es noch sieben Fälle, lediglich der Vokativ ist weggefallen.

Das Griechische hatte in der Antike noch fünf Fälle: Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ und Vokativ. Der Dativ wurde jedoch mit der Zeit durch den Genitiv ersetzt, so dass das moderne Griechisch noch vier Fälle kennt.

Die Geschichte des Albanischen liegt im Dunkeln, die heutige Sprache weist jedoch noch vier bis sechs Fälle auf: Dativ und Genitiv sind praktisch zusammengefallen und der Vokativ nur noch bei wenigen Wörtern vorhanden; einige periphere Dialekte haben außerdem einen Lokativ. Auf jeden Fall bildet sich ein System von vier funktionalen Fällen aus: Nominativ, Akkusativ, Dativ und Ablativ.

Wie viele noch aus dem Latein-Unterricht wissen werden, hatte Klassisches Latein sechs Fälle (Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ, Ablativ, Vokativ). Doch schon im Vulgär-Latein verschwanden die Fälle nach und nach: Im 3. Jahrhundert schrumpfte das System auf zwei bis drei Fälle. Die heutigen romanischen Sprachen haben die Fälle komplett verloren und markieren die Rolle den Nomen stattdessen durch Präpositionen und Satzstellung. Lediglich die Personalpronomen haben meistens zwei bis drei Fälle – einen Sonderfall, den man öfter antrifft (s.u.). So wird im Fränzösischen bei Personalpronomen zwischen Subjekt („je“), Disjunktiv („moi“) und Akkusativ („me“) unterschieden. Als Ausnahme unter den romanischen Sprachen hat das Rumänische (möglicherweise unter dem Einfluss der slawischen Nachbarn) noch drei fuktionale Fälle behalten: Nominativ, Dativ-Genitiv und Vokativ.

Die keltischen Sprachen hatten in der Antike noch fünf Fälle: Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ und Vokativ. Im heutigen Gälisch sind nach Verschmelzen von Nominativ und Akkusativ noch vier Fälle vorhanden, im Irischen ist auch der Dativ fast verschwunden (Im Ulster-Dialekt kann man aktuell das Verschwinden von der alten zur jungen Generation beobachten). Walisisch, Kornisch und Bretonisch haben gar keine Fälle mehr.

Die germanischen Sprachen kannten in ihrer Urform noch sechs Fälle (Ablativ und Lokativ sind schon vorher verlorengegangen). Als es sich in Zweige aufgliederte, gingen weitere Fälle verloren. Heute gibt es nur noch drei germanische Sprachen, welche die vier Fälle Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ unterscheiden: Isländisch, (Standard-) Deutsch und Höchstalemannisch. Das Färöische hat noch drei Fälle mit Resten des Genitivs. Englisch, Niederländisch, Westfriesisch, Afrikaans, Norwegisch, Schwedisch und Dänisch haben wie die romanischen Sprachen die Fälle für Artikel, Adjektive und Nomen komplett abgebaut. Lediglich bei Personalpronomen sind noch Fälle erkennbar; so lautet die 1. Person im Englischen „I“ (Subjekt), „me“ (Objektiv) oder „mine“ (Genitiv); weiterhin gibt es noch die reflexive Form „myself“.

Sehr gut zu beobachten ist die Reduktion der Fälle im Deutschen und den deutschen Mundarten: Im gesprochenden Standarddeutsch sind in höheren Registern alle vier Fälle sehr stabil. Während der Genitiv insgesamt einen leichten Rückgang zeigt, gewinnt er dafür in präpositionalen Wendungen („wegen des Wetters“, „trotz des Wetters“ etc). Es gibt jedoch in den letzten Jahrzehnten eine Tendenz die Kasus-Markierungen von Nomen zu eleminieren, so dass sie nur noch an Artikel und Adjektiv erhalten bleiben:  Gab man früher noch „dem Gatten“ ein Geschenk, heißt es heute „dem Gatte“.
Die Umgangssprache besonders im Süden hat den Genitiv abgebaut und umschreibt ihn dagegen mit Dativ-Konstruktionen („dem Bauer sein Traktor“/“der Traktor vom Bauer“); das wird von Sprachpuristen gerne bemängelt z.B. war ein Buch namens „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ lange in den Bestseller-Listen. Dass es sich dabei um einen großen historischen Prozess handelt, der fast ganz Europa umfasst, wird gerne ignoriert. Das verbleibende System aus drei Fällen wird in vielen „Dialekten“ (die nach meinem Verständnis eigene Sprachen sind) weiter reduziert: Im Niederdeutschen sind Dativ und Akkusativ verschmolzen; weiterhin gibt es auch Tendenzen zu einem einzigen Kasus. Auch im Bairschen, Ostfränkischen und Ostmitteldeutschen verschmelzen Dativ und Akkusativ zunehmend. Im Alemannischen, Rheinfränkischen und Moselfränkischen dagegen Nominativ und Akkusativ. Hier lässt sich schrittweise ein Zusammenfall beobachten: In den Randgebieten gilt der Zusammenfall nur für manche Wortarten, in den Kerngebieten für alle Wortarten außer Personalpronomen. Ausnahme ist das Höchstalemannische (der Schweizer Dialekt im Wallis): Es unterscheidet ganz klar alle vier Fälle. Mir liegen jedoch keine Daten vor, ob das System auch bei jungen Sprechern stabil ist.

Die (hier nicht kartierten) Indo-Iranischen Sprachen neigen ebenfalls zu einer starken Reduktion der Fälle; Persisch hat beispielsweise nur noch Nominativ und Akkusativ. In einigen Sprachen Nordindiens (Gujarati, Bengalisch) wurden allerdings nach einem kompletten Kasus-Verlust durch Agglutination neue Fälle geschaffen, indem gewisse Endeungen angehängt werden. Das ist einer der zwei einzigen bekannten Fälle, in denen indoeuropäische Sprachen sich von einem System mit wenigen Fällen zu einem System mit mehr Fällen entwickelten.

Der andere Fall betrifft einige nördliche Dialekte des Litauischen. Diese haben durch Agglutination (vermutlich durch Einfluss der benachbarten Finno-Ugrischen Sprachen) den Lokativ um drei zusätzliche Fälle erweitert: Den Illativ (in etwas hinein), den Adessiv (in der Nähe von etwas) und den Allativ (zu etwas hin).

Was die Zukunft bringt, ist nur schwer zu prognostizieren; insgesamt wird sich der Trend auf jeden Fall fortsetzen. Die west- und ostslawischen Sprachen sowie die baltischen Sprachen werden ihr Kasus-System noch lange beibehalten, während die südslawischen Sprachen langfristig weiter reduzieren werden (besonders das Serbokroatische). Der Kasus-Abbau wird auch im Albanischen weiter vorranschreiten, es ist noch nicht abzusehen auf wie viele Fälle sich das System einpendeln wird. Das Deutsche verliert die Fälle sehr langsam; langfristig ist jedoch ein Aussterben des Genitivs wahrscheinlich. Die meisten westeuropäischen Sprachen haben die Fälle schon komplett abgebaut und entwickeln sich konsequent weiter zu analytischen Sprachen; hier ist der Drops schon längst gelutscht.

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