Die Deutsche Sprache

Eine Sprache ist ein Dialekt mit einer Armee und einer Marine. (Max Weinreich)

stdeutsch_wwWenn man anhand von Dialektkarten „deutsche Sprachen“ ausgliedert, kann man schnell die größte und weitverbreitetste -Sprache übersehen: Das (Standard-)Deutsche selbst. Ursprünglich nur eine Ausgleichssprache zur überregionalen Kommunikation ist es heute besonders in der Nordhälfte Deutschlands die dominierende Mutter- und Alltagssprache.

standarddeutsch2Verbreitung: Wie man auf der rechten Karte sehen kann, gibt es je nach Funktion zwei verschiedene Sprachgebiete: Als Amtssprache, Schriftsprache, Mediensprache und Schulsprache wird Standarddeutsch in ganz Deutschland, Österreich, Liechtenstein, Luxemburg, Deutsch-Belgien, der Deutsch-Schweiz und Südtirol verwendet; außerdem wird es in vielen europäischen Ländern als Fremdsprache gelernt. Als Muttersprache und Alltagssprache dominiert Standarddeutsch in der deutschen Nordhälfte, in Deutsch-Belgien und in Großstadtregionen in Süddeutschland und Österreich. Eine kleine Minderheit lebt in Dänemark nahe der deutsch-dänischen Grenze. Darüber hinaus gibt es Millionen von Sprechern in der Diaspora z.B. in Russland, Kasachstan, den USA, Südamerika und Namibia (wo Deutsch anerkannte Nationalsprache ist und vielerorts als Umgangssprache gesprochen wird).

Entstehung: Schon im Mittelalter gab es überregionale Ausgleichssprachen, die hauptsächlich im Schriftverkehr benutzt wurden. Im 16. Jahrhundert konkurrierten zwei Formen miteinander: Das bayrisch-schwäbisch gefärbte „Gemeindeutsch“ in Süddeutschland und Österreich und das Sächsische Kanzleideutsch in Mitteldeutschland. Letzteres wurde unter anderem auch durch Martin Luther weiterentwickelt und verbreitet und setzte sich schließlich gegen die südliche Variante durch. Zunächst nur eine Schriftsprache und lingua franca, begann dieses Standarddeutsch nach und nach die ursprünglichen Mundarten auch als Alltagssprache und schließlich Muttersprache zu ersetzen. Schwieriger ist die Zuordnung von Missingsch – einer (fast ausgestorbenen) Mischssprache zwischen Niederdeutsch und Standarddeutsch.

Identität: Standarddeutsch wird von den Sprechern als „die deutsche Sprache“ gesehen und zur Abgrenzung gegen regionale Sprachen/Dialekte „Hochdeutsch“ genannt (was allerdings zu Verwechslungen führen kann, da „Hochdeutsch“ in der Germanistik eine Sprachfamilie bezeichnet). In der Vorstellung vieler Sprecher kann die Standardsprache „besser“ und „schlechter“ oder „reiner“ und „unreiner“ sein; so gibt es den weit verbreiteten Irrtum, dass in Hannover das „reinste Hochdeutsch“ gesprochen würde.
In der Schweiz nennt man Standarddeutsch „Schriftdeutsch“, was auf die domänenspezifische Verwendung (vielleicht auch eine emotionale Distanz) hinweist.

abstand_standardAbgrenzung: „Standarddeutsch“ umfasst hier als Sprache nicht nur die (in der Realität höchstens von Nachrichtensprechern verwendete) Norm, sondern auch davon abweichende Umgangssprachen, die auf dem Standard basieren. Einige Formen z.B. Berlinerisch oder Neuhessisch (s.u.) die oft als „Dialekte“ betrachtet werden, aber für alle Deutsch-Sprecher leicht verständlich bleiben, ordne ich ebenfalls der „deutschen Sprache“ zu. Auf der Karte rechts ist der Abstand der ursprünglichen regionalen Mundarten zum Standard kartiert (rot geringste, blau höchste Distanz). Wie man sehen kann, sind die Thüringisch-Obersächsische Sprache und die Lausitzisch-Schlesische Sprache dem Standard am ähnlichsten, so dass er in der Regel als Ostmitteldeutsche Sprache klassifiziert wird. (Quelle: unpublizierte Studie von Alfred Lamelis) Einige für eine mitteldeutsche Sprache untypischen Merkmale (keine Entrundung, keine Monophthongierung von ei, ou, öu) lassen sich dadurch erklären, dass sich in Norddeutschland aufgrund der großen Distanz des dort ursprünglich heimischen Niederdeutschen eine sehr schriftgetreue (teilweise hyperkorrekte) Aussprache herausbildete, die später zum Sprechstandard wurde.

Unterteilung: Wie die meisten Sprachen weist auch Standarddeutsch deutliche regionale Variation auf, das betrifft zum Beispiel die drei nationalen Normen (Sahne vs Rahm vs Schlagobers), aber noch viel stärker bei den Umgangssprachen lassen sich regionale Unterschiede ausmachen. Diese verschiedenen Varianten kann man als „Dialekte des Standarddeutschen“ bezeichnen; um Verwechslung mit den Basis-Dialekten (ursprüngliche Mundarten) zu vermeiden, verwendet man in der Linguistik jedoch den Begriff „Regiolekt“ (bei starker Abweichung von der Norm) und „Gebrauchsstandard“ (bei weniger starker Abweichung). Die regionalen Formen des Deutschen unterteilen sich hauptsächlich in eine Nordhälfte (näher an Schriftsprache, teilweise mitteldeutsche Einflüsse) und eine Südhälfte (deutliche oberdeutsche Einflüsse). Grenze ist ungefähr der Main.regiolekte
Meine eigene Muttersprache ist übrigens der badisch-schwäbische Regiolekt. Ich spreche weder Alemannisch noch Schwäbisch, dennoch hat meine Sprache deutliche Merkmale die man hauptsächlich in Baden-Württemberg findet – das betrifft den Lautstand (Könik statt Könich, Raache reimt sich auf Sprache, Kina und Kemie etc), die Morphologie (ich bin gestanden, Diminutivsilbe -le) und das Vokabular (Fleichküchle, Bühne, Boxauto, Fasnet, Kruscht, schleckig, es hat für „es gibt“, heben für „halten“ usw).

Status: Deutsch hat den Status einer überregionalen Sprache mit einer reichhaltigen Kultur, die weltweit von Millionen als Fremdsprache gelernt wird. Es ist eine der drei Arbeitssprachen der EU, Amtssprache von sechs Staaten und in vielen weiteren als Regional- oder Nationalsprache anerkannt. Innerhalb des deutschen Sprachgebiets hat Standarddeutsch meist ein hohes Prestige; in Regionen, in denen andere deutsche Sprachen dominieren (Luxemburg, Saarland, Pfalz, Württemberg, Bayern, Schweiz, Tirol, Südtirol), sind Einstellungen zur Standardsprache häufig eher distanziert.

Zahl der Sprecher: Schwerer zu berechnen, als man auf den ersten Blick denkt. Diverse Quellen geben für Deutsch 90-120 Millionen Muttersprachler an (ich tendiere aufgrund der großen Diaspora weltweit eher zur größeren Zahl). Darin sind jedoch meistens auch die Sprecher anderer deutscher Sprachen wie Bairisch enthalten; diese machen nach meinen Berechnungen zusammen etwa 42 Millionen Muttersprachler aus (fast alle davon sprechen Standarddeutsch jedoch als Zweitsprache). Demnach bleiben dann etwa 70 Millionen übrig, die Standarddeutsch als Muttersprache sprechen; die meisten davon leben in Deutschland, Österreich oder den USA.

Ausbau: Voll ausgebaut in drei verschiedenen Varianten (Bundesdeutsch, Schweizerisch, Österreichisch), was es zu einer plurizentrischen Sprache macht.

Orthographie: Standarddeutsche Orthographie. Geringe Unterschiede zwischen den Varianten (z.B. kein ß im Schweizer Standarddeutsch).

Sprachproben:
http://www.youtube.com/watch?v=Gr4QwLSb1a4 (Norddeutsches Standarddeutsch)
http://www.youtube.com/watch?v=y4Tq44GGo-s (Schweizer Standarddeutsch)
http://www.lowlands-l.net/anniversary/ruhrdeutsch.php (Ruhrdeutsch)

Links:
Interview – das „beste Hochdeutsch“ in Hannover?
Projekt AADG, welches Unterschiede in der Aussprache kartiert
Artikel über Variabilität des Deutschen

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