Die Lausitzisch-Schlesische Sprache

lausschles’s koam amol enner zu mir, woas kenner aus dr Äberlausitz woar. Dar wullte uff Äberlausitzsch woas viertroin, und ich sullt’s’n waaigen dr Aussproche ieberhiern. Ich soite: „Na, do mach oack lus!“ Und a fing oa. A hoatte aber’n Zungnschlag ne richtsch weg und kunnte sei Schmeckelappel ne, wie’ch’s gehirrt, an Maule rimwelkern. Dermitte kloang oalls su troige. ’s woar kee Soaft hinne.
(Herbert Andert)

Eine der traurigen Folgen der Vertreibung der Deutschen aus dem heutigen Polen, Tschechien und Russland nach dem zweiten Weltkrieg war, dass zahlreiche Dialekte auf einen Schlag ihr komplettes Sprachgebiet verloren und in der Diaspora zum Aussterben verurteilt sind. Besonders betroffen ist das Lausitzisch-Schlesische, dessen Sprachgebiet heute nur noch aus dem Osten Sachsens und dem Süden Brandenburgs besteht.

Verbreitung: Vor 1945 bestand das Sprachgebiet aus der Lausitz, Deutsch-Schlesien und dem nördlichen Sudetenland sowie einer Sprachinsel in Preußen. Heute ist nur noch die Lausitz übriggeblieben, wo die Sprache außerdem mit den sorbischen Sprachen (slawische Sprachen, die mit Polnisch und Tschechisch verwandt sind) koexistiert. außerdem lebt in der polnischen Woiwodschaft Opole heute noch eine deutliche deutschsprachige Minderheit. Mir liegen jedoch keine Daten vor, wie viele davon noch schlesische Dialekte sprechen.
Die Zuordnung der südmärkischen Dialekte im südlichen und mittleren Brandenburg – inklusive des Berlinerischen – ist unklar (siehe unten).

Entstehung: Die Schlesisch-Lausitzische Sprache entstand wie das nah verwandte thüringisch-obersächsisch in einem vorher slawisch-sprachigen Gebiet. Ab 1200 kamen Siedler aus verschiedenen Teilen Deutschlands in die Gebiete östlich von Dresden; dabei brachten sie ihre Sprachen mit, aus denen sich eine Ausgleichssprache mit thüringisch-obersächsischen, bairischen und rheinfränkischen (teilweise auch flämischen!) Elementen bildete; aus diesen entwickelten sich die heutigen Dialekte.
Ab 1300 zogen Siedler aus der Lausitz und Schlesien (aber auch weiter westlich liegenden Gegenden) nach Ostpreußen; es kam erneut zu einer Sprachmischung. Das so entstandene Hochpreußisch nahm auch viele Elemente aus dem benachbarten Niederpreußischen (Niederdeutsch) auf, blieb jedoch eine hochdeutsche Sprache.

Identität: Die Bewohner der Lausitz haben eine klare regionale Identität und bezeichnen ihre Sprache als „Lausitzisch“ (Lausitzsch), die Schlesier ihre Sprache als „Schlesisch“ (autonym Schläsisch oder Schläsch).

Abgrenzung: Wie fast überall ist die Grenze zum Niederdeutschen relativ scharf und zeigt sich unter Anderem an der zweiten Lautverschiebung (Im Lausitzisch-Schlesischen größtenteils durchgeführt). Die Grenze zum Obersächsisch-Thüringischen ist eher weich; Westlausitzisch besitzt Merkmale von beiden Sprachen. Ein großer Unterschied sind jedoch die im Lausitzischen nicht vorhandene Konsonantenschwächung und Vokalzentrierung. Die Einheit der verschiedenen Dialekte unter den Hut einer lausitzisch-schlesischen Sprache kann jedoch angezweifelt werden.

Sonderfall Südmärkisch/Berlinerisch: Die Gegend um Berlin war im Mittelalter fest in niederdeutscher Hand; ab 1500 wurde es jedoch durch hochdeutsche Sprachen verdrängt, wodurch das Südmärkische entstand – ein Dialekt mit Ähnlichkeiten zum Niederlausitzischen, während das Umland weiterhin niederdeutsche Dialekte sprach. Ab dem 19. Jahrhundert breitete sich der Berliner Dialekt auf das Umland aus, nahm dabei jedoch auch niederdeutsche Einflüsse auf (z.B. ik statt ich, Verschmelzung von Dativ und Akkusativ) auf. Parallel dazu wurde auch immer mehr Standarddeutsch gesprochen, wodurch sich das „Berlinerisch“ dem Standarddeutschen annäherte. Das heutige Berlinerisch ist sehr lebendig, besitzt ein hohes Prestige und breitet sich auch weiter aus. Aufgrund der Nähe zum Standarddeutschen würde ich es – trotz der lausitzisch-märkischen Ursprünge – jedoch eher als einen Regiolekt kategorisieren. Mir liegen keine Informationen vo, ob südmärkische Dialekte außerhalb Berlins noch in ihrer Reinform gesprochen werden.

Unterteilung: Jede der drei Gruppen weist verschiedene Unterdialekte auf. Das Hochpreußische bestand aus zwei klaren Gruppen: Breslausch und Oberländisch. Das Schlesische umfasst etwa ein dutzend Dialekte, die gut dokumentiert sind. Das Lausitzische besteht aus fünf Dialekten: Westlausitzisch bildet einen Übergang zum Obersächsischen;  Neulausitzisch wird in ehemals einsprachig sorbischen Gebieten gesprochen und hat dementsprechend sorbische Einflüsse; Niederlausitzisch bildet den Übergang zum Südmärkischen; Ostlausitzisch geht ins Schlesische über; Oberlausitzisch weist die meisten Eigenheiten auf.

Status: Die nördlichen lausitzischen Dialekte werden kaum noch gesprochen und sind heute durch einen lausitzischen Regiolekt des Standarddeutschen verdrängt worden. Lediglich das Oberlausitzische ist noch lebendig; es genießt auch eine reichhaltige Mundartpflege in Lyrik, Theater und Literatur.
Die schlesischen Dialekte haben eine jahrhundertelange Geschichte an Literatur und Lyrik, auch heute bemühen sich noch zahlreiche Heimatvereine in der Diaspora um Mundartpflege. Mangels Nachwuchs sind die schlesischen und hochpreußischen Dialekte jedoch zum Aussterben verurteilt.

Zahl der Sprecher: Schwer zu schätzen. Lausitzisch hat etwa 150.000 Sprecher. Vor dem 2. Weltkrieg hatte das Schlesische 7 Millionen Sprecher; heute kann noch von etwa einer halben Millionen Sprechern in der Diaspora ausgegangen werden, die fast alle über 60 sind. In Polen sprechen 96.000 Einwohner „Deutsch“, wie viele davon Schlesisch sprechen ist unbekannt.

Ausbau: Keine Kodifizierung, keine Prestige-Dialekte, jedoch reichhaltige Literatur.

Orthographie: Keine einheitliche Orthographie; es wird hauptsächlich das „man-schreibt-wie-man-spricht“-Prinzip verwendet, wobei nicht alle Zeichen dem Gegenstück im Standarddeutschen entsprechen.

Sprachproben:
http://www.youtube.com/watch?v=UDQuBHNN-mI (Schlesisch)
http://www.youtube.com/watch?v=2Zro8izimIs (Oberlausitzisch)
http://www.youtube.com/watch?v=VL80DTG2yCA (Oberlausitzisch)

Links:
Wörterbuch Oberlausitzisch
Wörtersammlung Oberschlesisch
Information über die schlesischen Dialekte
Auszug aus dem Buch „Unser Schlesien“
Kurzinformation Ostlausitzisch
Kurzinformation Niederlausitzisch

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