Die Rheinfränkische Sprache

rheinfraenkww„Manchemol isses jo ganz schää luschdisch se betrachte wie die Leit gugge duun wann se es erschde mol pälzisch heere orre lääse duun. Die meischde vun denne Leit hann nemmlich iwwerhaupt kää Ahnung was do vezeehlt werd. Des leit dann dodroo, dass es pälzische schun e ganz eichenie Sproch is un die Pälzer halt all so babbele wies ne Maul gewachs is.“
(Stupidedia-Artikel Pfälzisch)

Rheinfränkisch ist eine deutsche Sprache, welche die allgemein als „Hessisch“ und „Pfälzisch“ bezeichneten Dialekte umfasst. Es wird nicht nur in einem breiten Streifen in Deutschland gesprochen, sondern hat durch Immigration auch Dialekte in Serbien, Brasilien und den USA hervorgebracht.

Verbreitung: Das zusammenhängende Sprachgebiet umfasst fast das komplette Bundesland Hessen (bis auf einige Ränder), die westlichste Ecke Frankens um Aschaffenburg, die östliche Hälfte der Bundesländer Rheinland-Pfalz und Saarland, die nordwestlichste Ecke Baden-Württembergs um Mannheim und Heidelberg („Kurpfalz“) und ein angrenzendes Gebiet in Elsass und Lothringen.
Darüber hinaus gibt es eine pfälzische Sprachinsel am Niederrhein und die pfälzische Sonderform „Pennsylvania-Deutsch“ in den nordöstlichen USA (auf Englisch fälschlicherweise Dutch genannt). Zwei weitere Auswanderer-Dialekte ordne ich dem Rheinfränkischen zu, obwohl sie auch moselfränkische Einflüsse haben: Riograndenser Hunsrückisch im südlichen Brasilien und Banatschwäbisch zwischen Rumänien, Ungarn und Serbien.

Entstehung: Auch das Rheinfränkische stammt vom Altfränkischen ab und bildete um das 11. Jahrhundert zu einer eigenen Schreibsprache aus, blieb aber immer in starkem Kontakt mit den Nachbarsprachen und nahm so auch mehr Elemente aus südlichen und östlichen Sprachen auf, als Moselfränkisch und Ripuarisch und steht so dem Standarddeutschen näher als seine westlichen Nachbarn.
Die Auswanderer-Dialekte entstanden ab dem 18. Jahrhundert durch Vermischung der Einflüsse aus verschiedenen deutschen Sprachen, das Rheinfränkische dominierte jedoch in allen drei Fällen.

Identität: Eine gemeinsame rheinfränkische Identität gibt es kaum; im Süden dominiert die Identität als Pfälzer (autonym pälsisch), im Norden die hessische Identität. Besonders Pfälzer sehen ihre Dialekte als eine eigene Sprache. Dazwischen gibt es einen fließenden Übergang, wo regional auch andere Bezeichnungen verwendet werden z.B. „Hunsrückisch“, „Odenwäldlerisch“ (nicht zu verwechseln mit dem südfränkischen „Odenwäldisch“!) oder „Badisch“ (in der Kurpfalz). In Frankreich hat man eine eigene Identität und nennt den Dialekt „Lothringer Platt“, die enge Verwandtschaft mit dem Pfälzischen ist den Sprechern jedoch bewusst.
Im Saarland wird die Sprache meist als „Saarländisch“ oder „Platt“ bezeichnet; neuerdings wird auch hier der Ausdruck „Rheinfränkisch“ verwendet, da fast allen Sprechern im Saarland die sprachliche Zweiteilung zwischen Rheinfränkisch und Moselfränkisch bewusst ist. Dass die westlichen Dialekte des Saarlandes linguistisch zum Pfälzischen gehören, wird aufgrund der alten Rivalität selten akzeptiert.
Einen Schritt zu einer gemeinsamen rheinfränkischen Identität kann man darin sehen, dass die ursprünlich pfälzische Wikipedia sich nun auch für hessische Dialekte geöffnet hat.
Sprecher des Pennsylvania-Deutschen sehen sich oft einfach als Deutsche und nennen ihre Sprache deshalb auch Deitsch; den Großteil der Sprecher machen Alt-Mennoniten und Amische aus, welche dadurch eine zusätzliche eigene Identität haben.

Abgrenzung: Das Rheinfränkische steht sprachlich und geographisch zwischen Moselfränkisch, Thüringisch und Hochfränkisch. Nach außen hin wird es durch verschiedene Isoglossen abgegrenzt: Vom Moselfränkischen unterscheidet es sich durch das, was und es statt dat, wat und et. Vom Hochfränkischen unterscheidet es sich durch das Fehlen des Lautes pf, so dass im Rheinfränkischen Appel und Pund statt Apfel und Pfund gesagt werden. Allerdings ist diese Grenze im nördlichen Baden teilweise unscharf bzw fließend. Auch die Grenze zum Alemannischen im Elsass wird durch die p-pf-Linie gezogen. Im Nordosten bildet das Rheinfränkische einen relativ undefinierten Übergang zum Thüringisch-Obersächsischen, hier wird manchmal der Unterschied zwischen Pund (Rheinfränkisch) und Fund (Thüringisch) angeführt, was jedoch den fließenden Übergängen (in der Rhön auch zum Hochfränkischen) nicht gerecht wird.
Manche Autoren sehen Hessisch und Pfälzisch als jeweils eigene Sprachen an; die Verständlichkeit untereinander ist jedoch groß genug, da sie zahlreiche Merkmale in Wortschatz, Grammatik und Phonologie teilen (z.B. das Vokalsystem).

rheinfränkischUnterteilung: Vier Zonen können unterschieden werden (jeweils mit dutzenden Dialekten): Das Saar-Lothringische (welches auch ein paar Ortschaften im Saarland beinhaltet), das Pfälzische (welches fast immer in Westpfälzisch und Vorderpfälzisch unterteilt wird), das Hessisch-Nassauische und das Niederhessische. Letzteres wird manchmal auch als Mischssprache zwischen Hessisch, Thüringisch und Ostfränkisch gesehen und gar nicht dem Rheinfränkischen zugeordnet.
Pennsylvania-Deutsch als eigene Sprache abzutrennen (wie es oft geschieht) wird der starken Ähnlichkeit und gemeinsamen Verständlichkeit mit dem Pfälzischen nicht gericht.

Status: In Saarland und Pfalz ist die Sprache äußerst lebendig und stabil und wird von großen Teilen der Bevölkerung gesprochen und von vielen Zuwanderern sogar als Zweitsprache angeeignet. In Hessen ist Rheinfränkisch dagegen fast überall im Rückgang, besonders im Norden und in städtischen Gebieten. Verdrängt wird es (nicht zuletzt aufgrund starker Zuwanderung) durch Standard-Deutsch oder das sogenannte „Neuhessisch“, einen Regiolekt der zwischen Standarddeutsch und Rheinfränkisch steht.
Pennsylvania-Deutsch ist immer noch äußerst stabil und wird hauptsächlich in Gemeinschaften der Amischen und Alt-Mennoniten gesprochen, welche sowieso unter sich bleiben und die Sprache auch zur Abrenzung verwenden. Es dient als Alltagssprache und in Gottesdiensten, während Englisch zur Kommunikation nach außen verwendet wird.

Zahl der Sprecher: In Deutschland lässt sich die Sprecherzahl nur grob schätzen; (basierend auf verschiedenen Umfragen) im Saarland etwa 400.000, in Rheinland-Pfalz 1,5 Millionen, in Baden-Württemberg etwa 700.000, in Hessen und Bayern 2,5 Millionen. In Lothringen und Elsass etwa 100.000 Sprecher. Für Riograndenser Hunsrückisch wird oft 3 Millionen zitiert, 1 Millionen Sprecher halte ich jedoch für realistischer. Pennsylvania Deutsch hat über 300.000 Sprecher; für Banatschwäbisch liegen mir keine Zahlen vor. Insgesamt kommt man also auf etwa 7 bis 8 Millionen Sprecher des Rheinfränkischen.

Ausbau: kaum vorhanden. Keine Kodifizierung und kein Prestige-Dialekt, Rheinfränkisch ist reine L-Sprache. In vielen Gegenden gibt es eine lebendige Mundarddichtung; in der Pfalz auch häufige (inofizielle) Verwendung in Kommunalpolitik, Gerichtsverhandlungen und Schulen. Die Lage in den USA ist ähnlich; mit Hiwwe wie Driwwe gibt es sogar eine Zeitung auf Pennsylvania-Deutsch.

Orthographie: In Deutschland wird mangels einer Orthographie immer nach dem „man schreibt, wie man spricht“-Prinzip geschrieben. Das gelingt leichter als im Ripuarischen oder Moselfränkischen, da die meisten Phoneme auch im Standarddeutsch vorkommen. Pennsylvania-Deutsch wird entweder in einer auf dem Standarddeutschen oder in einer auf dem Englischen basierenden Orthographie geschrieben; letztere ist aufgrund der starken Unterschiede in Phonologie deutlich unpraktischer.

Sprachproben:
http://www.youtube.com/watch?v=xWc4bDZmJN0 (Vorderpfälzisch)
http://www.youtube.com/watch?v=u1_OuGBl7sY (Pennsylvania-Deutsch)
http://www.youtube.com/watch?v=TzPULn5WPmk (Mannheimer Kurpfälzisch)
http://www.youtube.com/watch?v=W-PlvvxgP_8 (Rheinhessisch)

Links:
Wikipedia auf Rheinfränkisch
Wikipedia auf Pennsylvania-Deutsch
Rheinfränkisch-Artikel auf Schplock
Wörtersammlung Pfälzisch
Artikel über die Sprachsituation in Hessen
Übersetzer Deutsch-Südhessisch
Annekdoten auf Hessisch mit deutscher Übersetzung
Pennsylvania-Deutsche Zeitung (s.o.)

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