Die Niederdeutsche Sprache

niederdeutsch1

„Fru, maak de Dör op!
De Rummelpott will rin.
Daar kümmt een Schipp ut Holland.
Dat hett keen goden Wind.
Schipper, wulltst du wieken!
Feermann, wulltst du strieken!
Sett dat Seil op de Topp
un geevt mi wat in’n Rummelpott!“
(Traditionelles Lied beim Rummelpottlaufen)

Dieser Post stellt eine inoffizielle Fortsetzung des Posts Wie viele deutsche Sprachen gibt es Teil 2 dar.

Niederdeutsch ist (gemeinsam mit Jiddisch) von allen dort diskutierten Sprachen die wohl anerkannteste eigene Sprache; nur noch wenige Laien sehen Niederdeutsch als „schlechtes Deutsch“ oder einen Dialekt.

Verbreitung: das ursprüngliche Verbreitungsgebiet umfasst den kompletten Norden Deutschlands sowie die nordöstlichen Niederlande. Vor dem zweiten Weltkrieg wurde Niederdeutsch auch in Pommern (heutiges Polen) und Ostpreußen (heutiges Russland) gesprochen; diese Dialekte sind am Aussterben. In einigen brasilianischen Gemeinden wird noch ein Abkömmling des Pommerschen (oder Pommeranischen) gesprochen. Eine besondere Variante – das Plautdietsch – wurde von Mennoniten auf der ganzen Welt verbreitet und wird heute noch in „Kolonien“ besonders in Kasachstan, Russland, Kanada, Mexiko, Bolivien und Paraguay gesprochen.

Entstehung: Die westlichen niederdeutschen Dialekte sind direkte Nachfahren des Altsächsischen (wobei natürlich schon immer starker Kontakt mit Nachbarsprachen stattfand). Durch die Ostkolonisation breitete sich die Sprache im Mittelalter nach Osten aus, nahm dabei aber Einflüsse aus benachbarten Sprachen auf. An der Nordsee verdrängte Niederdeutsch das ursprüngliche Ostfriesisch, nahm jedoch auch Einflüsse aus diesem auf. Von den modernen germanischen Sprachen ist Niederdeutsch eine der konservativsten, die viele antike Merkmale bewahrt.
Mittelniederdeutsch (1100-1500) war in Form des Lübecker Dialekts standardisiert und Amtssprache der Hanse. Dadurch war es die wichtigste Verkehrssprache an Nord- und Ostsee bis nach Russland und beeinflusste deutlich die skandinavischen Sprachen. Auch in die hochdeutsche Standardsprache sind zahlreiche niederdeutsche Wörter als Lehnwörter eingegangen, z.B. „Hafen“, „Ufer“, „schmuggeln“, „Laken“, „knabbern“, „pinkeln“, „Spuk“, „verrotten“, „schlabbern“, „schrubben“, „tschüss“ und „Mettwurst“.

Identität: Die Sprecher des Niederdeutschen waren schon immer von der Eigenständigkeit ihrer Sprache überzeugt, betrachten sich aber selten als eigenes Volk. In Deutschland ist Niederdeutsch umgangssprachlich als „Plattdeutsch“ (autonym Plattdüütsch / Plattdütsk) oder „Platt“ bekannt, „Niedersächsisch“ (autonym Neddersassisch) und „Niederdeutsch“ (autonym Nedderdüütsch) sind unter Laien weniger bekannt, werden aber von Linguisten bevorzugt. In den Niederlanden nennen die Sprecher ihre Sprache fast ausschließlich Nedersaksies. Einige Enthusiasten haben eine niederdeutsche Flagge entworfen.

Abgrenzung: Verwandtschaftlich steht Niederdeutsch relativ weit entfernt von den anderen westgermanischen Sprachen und lässt sich besonders gegenüber den hochdeutschen Dialekten anhand der nicht durchgeführten zweiten Lautverschiebung gut abgrenzen: Hochdeutsch ich, machen, Dorf, Pfund, Apfel, Zahn, das sind auf Niederdeutsch ik, maken, Dorp, Pund, Appel, Tahn, dat. Auch der Wortschatz und die Grammatik unterscheiden sich deutlich von den südlichen Nachbarn. Lediglich in den östlichen Niederlanden findet sich mit Veluws ein Übergangsdialekt zwischen Niederländisch und Niederdeutsch.

niederdeutschUnterteilung: Manche Autoren unterteilen das Niederdeutsche in mehrere Sprachen. „Plautdietsch“ wird als erstes abgespalten, da es seit 1750 keinen Kontakt mehr mit den anderen niederdeutschen Dialekten hatte und sich seither eigenständig entwickelt hat. Die verbleibenden Dialekte lassen sich in das ältere Westniederdeutsch (Westfälisch, Ostfälisch, Nordniedersächsisch, Friesisch-Sächsisch, Gelders-Overijssels) und das neuere Ostniederdeutsch (Mecklenburg-Vorpommersch, Märkisch-Brandenburgisch, Pommersch, Niederpreußisch) unterteilen, welche aus meiner Sicht jedoch nicht unverständlich genug sind um eigene Sprachen zu bilden. Dialekte der Niederlande werden aufgrund des starken niederländischen Einflusses manchmal als eigene Sprache oder sogar als Teil des Niederländischen betrachtet, was historisch jedoch falsch ist.

Status: Niederdeutsch hat eine etwa 500-jährige Verdrängung durch Standarddeutsch hinter sich und erholt sich eher langsam. Viele Dialekte sind schon fast oder komplett ausgestorben, besonders in Westfalen, Ostfalen, Brandenburg und Hamburg. Gepflegt wird es noch in ländlichen Gegenden des nördlichen Niedersachsens sowie Schleswig-Holsteins. Als Alltagssprache wird es vor Allem noch in Ostfriesland, dem Weser-Elbe-Dreieck, ländlichen Gegenden Schleswig Holsteins, den Mennoniten-Kolonien und den Niederlanden gebraucht.
Während es eine klare Abgrenzung zwischen Hoch- und Niederdeutsch ohne Zwischenformen gibt, hat Standarddeutsch (bzw Standardniederländisch) vielerorts einen Einfluss auf Aussprache, Grammatik und Vokabular.

Zahl der Sprecher: Schwer zu schätzen. In Deutschland werden oft bis zu 8 Millionen Sprecher angegeben, die meisten davon aber mit sehr geringer Sprachkompetenz. Realistischere Schätzungen gehen in Deutschland von etwa 4 Millionen Sprechern aus, davon weniger als die Hälfte Muttersprachler. Dazu kommen etwa 1,8 Millionen Sprecher in den Niederlanden und etwa 400.000 Plautdietsch-Sprecher weltweit.

Ausbau: kaum Vorhanden. Hauptsächlich gesprochene Alltagssprache mit beschränkten Domänen. Keine Normierung, kein dominierender Prestige-Dialekt. Gelegentliche Verwendung in Rundfunk, Fernsehen und Theater, oft aber mit humoristischer, folkloristischer oder nostalgischer Konnotation. Kaum Verwendung im Bildungssystem, es gibt immerhin „Plattdeutsch-Vorresewettbewerbe“.

Orthographie: Rechtschreibung basiert in Deutschland größtenteils auf der Standard-Deutschen Orthographie („man schreibt wie man spricht“-Prinzip), in den Niederlanden auf der Standard-Niederländischen Schreibung. Es gibt von Linguisten verschiedene Vorschläge für ein Schreibsystem, von denen jedoch keine allgemein benutzt wird. Am bekanntesten ist die „Saß’sche Schreibweise“ für das Nordniedersächsische.

Sprachproben:
http://www.youtube.com/watch?v=0v1UvgaCLKE (Ostfriesisch)
http://www.youtube.com/watch?v=U87QjYeMq9U (Nordniedersächsisch)
http://www.youtube.com/watch?v=U5xoR9d–Ws (Plautdietsch)

Links:
Plattdeutschkurs von Radio Bremen
Plautdietsch-Sprachkurs (auf Englisch)
Niederdeutsch Wörterbuch

Plautdietsch Wörterbuch
Plautdietsch Wörterbuch
Grammatik-Führer
Wikipedia auf Niederdeutsch
Wikipedia auf Niederländischem Niederdeutsch

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