Wie viele deutsche Sprachen gibt es – Teil 2

deutschvorschlagWie schon in Teil 1 klar geworden sein sollte, ist es oft sehr willkürlich, bestimmte Formen als Dialekte und andere als Sprache zu bezeichnen. Im Falle der deutschen Dialekte ist eine klare Grenzziehung praktisch unmöglich. Da ich jedoch felsenfest überzeugt bin, dass die deutschen Dialekte voneinander so weit entfernt sind, dass sie nicht Teil einer einzigen Sprache sein können, habe ich einen Vorschlag zur Gliederung der „deutschen Sprachen“: Wichtigste Kriterien nach denen ich zu meiner Kategorisierung gekommen bin:

  • Gemeinsamkeiten der enthaltenen Dialekte in Wortschatz, Phonologie und Grammatik
  • Verständlichkeit der enthaltenen Dialekte untereinander und geringe Verständlichkeit der anderen Sprachen (mit einer gewissen Toleranz)
  • Historisch gemeinsame Wurzeln der enthaltenen Dialekte
  • Beurteilt werden vor Allem die konservativen, älteren Sprachformen

Weniger wichtig für meine Einteilung sind Ausbau/Standardisierung und regional-kulturelle Identität der Sprecher.

Nach meinen Überlegungen kommt man auf 13 deutsche Sprachen…

Niederfränkische Sprachen

Die westgermanischen Sprachen lassen sich nach Verwandtschaft in fünf Gruppen Teilen:  Anglisch, Friesisch, Niederdeutsch, Niederfränkisch und Hochdeutsch (Mitteldeutsch und Oberdeutsch). Einige „deutsche Dialekte“ Nordrhein-Westfalens sind enger mit dem Niederländischen als mit den hochdeutschen Sprachen verwandten und werden deshalb in dieser Analyse nicht berücksichtigt. Mindestens zwei niederfränkische Sprachen werden offiziell anerkannt (Niederländisch und Afrikaans); viele Linguisten erkennen jedoch noch weitere Formen an z.b. Limburgisch und Flämisch.

Niederdeutsche Sprache

1. Die Niederdeutsche Sprache

Niederdeutsch war lange die dominierende Sprache Norddeutschlands (inklusive den ehemalig deutschen Gebieten in Pommern und Preußen) und der östlichen Niederlande (dort „Nedersaksisch“ genannt), wird aber seit 500 Jahren kontinuierlich zurückgedrängt. Verwandtschaftlich steht es weit entfernt von den übrigen westgermanischen Sprachen und lässt sich klar abgrenzen. Eine besondere Variante – das Plautdietsch – wurde von Mennoniten auf der ganzen Welt verbreitet und wird heute noch in „Kolonien“ in Kasachstan, Russland, Kanada, Mexiko, Bolivien und Paraguay gesprochen. Viele Linguisten trennen als eigene Sprache ab, da es sich seit 1750 eigenständig entwickelt.

Mitteldeutsche Sprachen

2. Die Ripuarische Sprache

Ripuarisch ist die ursprüngliche Sprache des nördlichen Rheinlandes; das Sprachgebiet entspricht etwa dem Südwesten des heutigen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen. Bekanntester Dialekt und archetypischer Vertreter ist das „Kölsch“. Ripuarisch ist für Sprecher des Standarddeutschen fast unverständlich; es teilt jedoch einige Gemeinsamkeiten mit dem Moselfränkischen im Süden und dem Limburgischen im Norden und kann als Übergangssprache zwischen Niederfränkisch und Hochdeutsch betrachtet werden. Im Alltag ist Ripuarisch fast überall durch Standarddeutsch verdrängt worden, füllt jedoch oft noch eine Nische als Kultursprache der Folklore (besonders im Karneval) aus.

3. Die Moselfränkische Sprache

Die Moselfränkische Sprache wird im Südwesten des deutschen Sprachraumes gesprochen; bekannte Dialekte sind Luxemburgisch, Eifler Platt, Trierer Platt, westliches Saarländisch, Koblenzer Platt und Siegerländisch. Es teilt Merkmale mit dem Ripuarischen im Norden und dem Rheinfränkischen im Osten. Im Alltag ist es vielerorts noch sehr lebendig.

Luxemburgisch ist der einzige hochdeutsche Dialekt, der standardisiert wurde, eine eigene Rechtschreibung hat und sogar Amtssprache Luxemburgs ist. Deshalb sehen viele Autoren Luxemburgisch als eigene Sprache an; es steht den benachbarten Dialekten in Rheinland-Pfalz jedoch so nahe, dass diese Abgrenzung meiner Meinung nach nicht gerechtfertigt ist.

4. Die Rheinfränkische Sprache

Rheinfränkisch besteht grob aus den beiden Dialektgruppen Pfälzisch und Hessisch, welche viele Merkmale teilen. Dazu kommen lothringische Mundarten in Frankreich und Übergangsformen zwischen den beiden (Rheinhessisch, Kurpfälzisch, Odenwäldlerisch). Im Südosten geht es zwischen Mannheim und Karlsruhe ins Südfränkische über, im Nordosten gibt es Übergangsdialekte zum Thüringischen. Besonders im Süden des Sprachgebiets sind rheinfränkische Dialekte oft noch die Alltagssprache.

5. Die Thüringisch-Obersächsische Sprache

Die Thüringisch-Obersäschische Sprache wird in Thüringen (bis auf den Süden), Nord- und Mittelsachsen sowie dem Süden von Sachsen-Anhalt gesprochen; eine Region die oft als „Mitteldeutschland“ bezeichnet wird. Von allen deutschen Sprachen steht es dem Standarddeutschen am nächsten, welches jedoch auch Einflüsse aus anderen hochdeutschen Sprachen erhalten hat. Heute sind die meisten Dialekte im Rückgang oder schon komplett durch Standarddeutsch verdrängt, welches in dieser Region jedoch oft dialektal gefärbt ist, was umgangssprachlich als „sächseln“ bezeichnet wird.

6. Die Lausitzisch-Schlesische Sprache

Die Lausitzisch-Schlesische Sprache ist die östlichste der mitteldeutschen Sprachen, hat jedoch nach 1945 den größten Teil ihres Sprachgebiets verloren – in Schlesien und Ostpreußen (wo eine schlesische Dialektgruppe namens „Hochpreußisch“ gesprochen wurde) wird heute Polnisch gesprochen. Lausitzisch koexistierte schon immer mit dem Sorbischen und hat daher slawische Einflüsse, wird jedoch auch an den meisten Orten durch dialektal gefärbtes Standarddeutsch verdrängt.

Am Schwierigsten ist die Zuordnung des Berliner Dialekts, welcher ursprünglich dem Lausitzischen nahe stand, jedoch außer niederdeutschen Einflüssen des benachbarten Brandenburgs mittlerweile auch stark mit Standarddeutsch vermischt ist. Diese Mischform ist jedoch sehr lebendig und breitet sich auch seit Jahrzehnten auf das brandenburgische Umland aus, wo es die einheimischen niederdeutschen Dialekte verdrängt.

7. Die Standarddeutsche Sprache

Ursprünglich war das Standarddeutsch ein Koine – eine Ausgleichssprache zwischen den verschiedenen hochdeutschen Dialekten – welche der überregionalen Kommunikation diente, aber nicht als Muttersprache gesprochen wurde. Linguistisch gesehen teilt es die meisten Merkmale mit mitteldeutschen Sprachen und wird daher von mir hier eingeordnet (lediglich das „pf“ ist ein oberdeutsches Merkmal – die meisten mitteldeutschen Sprachen sagen „Peffer“/“Feffer“ und „Appel“).

Heute dominiert es jedoch fast überall im deutschen Sprachgebiet und ist besonders in Metropolregionen und der Nordhälfte Deutschlands fast ausschließliche Muttersprache. Es kennt drei verschiedene Standardformen – Deutsches, Schweizer und Österreicher Standarddeutsch – und weist darüber hinaus viele regionale Formen auf, welche man sogar als „Dialekte“ bezeichnen könnte, was jedoch zu Verwechslungen mit den ursprünglichen Ortsdialekten führen würde.

8. Die Jiddische Sprache

Niemand bezweifelt die Eigenständigkeit des Jiddischen als eigene Sprache – obwohl es (abgesehen von den slawischen und hebräischen Einflüssen sowie des Alphabets) den deutschen Sprachen („Mundarten“) nicht weiter entfernt steht als diese voneinander. Es weist eine typisch mitteldeutsche Phonologie und Grammatik auf, jedoch auch mit einigen oberdeutschen Einflüssen. Seit dem Holocaust hat Jiddisch massiv an Sprechern verloren, wird heute jedoch von kleinen Gemeinschaften gepflegt, besonders in den USA (besonders New York) und Israel.

Oberdeutsche Sprachen

9. Die Erzgebirgische Sprache

Am Südrand Sachsens entstand eine eigene Sprache, die mit dem Oberfränkischen verwandt ist, sich jedoch durch eine deutliche Eigenständigkeit sowie obersächsische Einflüsse unterscheidet. Viele Autoren zählen es zum Mitteldeutschen oder sogar dem Obersächsisch-Thüringischen, die oberdeutschen Merkmale überwiegen jedoch meiner Meinung nach. Da es für Sprecher anderer deutscher Sprachen fast unverständlich ist, zähle ich es als eigene Sprache. Besonders im Norden und Osten wurde es durch Obersächsisch und Standarddeutsch verdrängt, ist im Westen des Sprachgebiets jedoch noch lebendig.

10. Die Hochfränkische Sprache

Die Hochfränkische Sprache besteht aus zwei großen Dialektgruppen, deren Verwandtschaft für Laien oft schwer nachvollziehbar ist – dem Südfränkischen um Karlsruhe und Heilbronn und dem Ostfränkischen im bairischen Landesteil Franken. Zu letzterem gehören auch der Nordosten Baden-Württembergs, der Süden Thüringens und Vogtland in Sachsen. Als eigene Sprache ist das Hochfränkische schwer zu charakterisieren, da es Merkmale der Nachbarsprachen Rheinfränkisch, Schwäbisch, Bairisch, Erzgebirgisch und Thüringisch-Obersächsisch vereint und oft fließende Übergänge bildet z.B. in der Rhön, um Pforzheim oder um Nürnberg. Daher sollte das Hochfränkische als Übergangssprache betrachtet werden, welches jedoch eigenständig ist und zu keiner der Nachbarsprachen gehört.

11. Die Bairische Sprache

Die Bairische Sprache erstreckt sich vom Böhmerwald bis nach Südtirol und beinhaltet auch fast ganz Österreich. Es weist eine deutliche Eigenständigkeit und Einheitlichkeit auf und lässt sich klar als eigene Sprache abgrenzen. Es gibt jedoch auch innerhalb der Sprache Unterschiede, besonders das Tirolerische unterscheidet sich von den restlichen Dialekten. Darüber hinaus gibt es kleinere (stark bedrohte) Sprachinseln in Norditalien – Zimbrisch und Fersentalerisch – die von manchen Linguisten aufgrund der Isolation als eigene Sprachen betrachtet werden. Bairische Dialekte sind heute bis auf Großstädte noch sehr lebendig, neigen aber zur Bildung von regionalen Ausgleichssprachen.

12. Die Schwäbische Sprache

Die Schwäbische Sprache wird von vielen Linguisten dem Alemannischen zugeordnet und ist mit diesem eng verwandt; die Unterschiede in der Phonologie und dem Wortschatz sind für mich jedoch groß genug, um es als eigene Sprache abzugrenzen. Entscheidende Grenze ist hier der Unterschied zwischen „Haus“ und „Huus“. Das schwäbische Sprachgebiet umfasst das mittlere und östliche Baden-Württembergs sowie Bairisch-Schwaben. Die meisten schwäbischen Dialekte sind noch sehr lebendig und verdrängen in Baden-Württemberg sogar teilweise Nachbarsprachen, stehen jedoch vielerorts auch in Konkurrenz zum Standarddeutschen oder mischen sich mit ihm.

13. Die Alemannische Sprache

Die südlichste aller germanischen Sprachen ist das Alemannische, dessen bekannteste Formen das „Elsässische“ und das „Schweizerdeutsch“ sind. Darüber hinaus gehören auch die Dialekte Badens (etwa bis Rastatt) und Vorarlbergs zum Alemannischen. Von den anderen deutschen Sprachen unterscheidet es sich durch deutlich eigenständige Phonologie und Grammatik und eine schwere Verständlichkeit (selbst für Sprecher des Schwäbischen). Viele Autoren erkennen „Schweizerdeutsch“ als eigene Sprache an, obwohl die politischen Grenzen und die sprachlichen Grenzen völlig unabhängig voneinander verlaufen. Im Elsass sind die alemannischen Dialekte stark im Rückgang (zugunsten des Französischen), in der Schweiz dagegen höchst lebendig als einzige Muttersprache und Alltagssprache mit Tendenzen zu einer eigenen Ausbausprache und einer klaren funktionalen Trennung zwischen „Mundart“ und „Schriftdeutsch“. In Deutschland und Vorarlberg gibt es dagegen Verdrängung durch Standarddeutsch und Mischformen; auf dem Land sind die alemannischen Dialekte jedoch noch lebendig.

„Höchstalemannisch“ in den Alpen hat sehr viele altertümliche Merkmale bewahrt und ist selbst für Sprecher des Alemannischen schwer verständlich. Es könnte daher sogar eine eigene Sprache bilden, besonders das jahrhundertelang isolierte „Walserdeutsch“, welches von Linguisten oft auch als eigene Sprache betrachtet wird.

Schlussbetrachtung:

Bei dieser Aufteilung gibt es einige Grenzziehungen, bei denen ich mir noch nicht ganz sicher bin:

  • Ist „Plautdietsch“ eine Dialektgruppe des Niederdeutschen oder eine eigene Sprache?
  • Bildet „Thüringisch-Obersächsisch“ eine einheitliche Sprache?
  • Ist „Berlinerisch“ Teil des „Lausitzisch-Schlesischen“ oder Teil des „Standarddeutschen“?
  • Bildet „Hochfränkisch“ eine sinnvolle Einheit oder sollte man es auftrennen in die „Südfränkische Sprache“ und die „Ostfränkische Sprache“?
  • Sind „höchstalemannische Dialekte“ Teil des Alemannischen oder eine oder vielleicht sogar zwei eigene Sprachformen („Walliserdeutsch“ und „Walserdeutsch“)?
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