Wie viele deutsche Sprachen gibt es?

Sucht man bei Google nach „die deutsche Sprache“, werden 295 Millionen Resultate angezeigt, sucht man dagegen nach „die deutschen Sprachen“, findet man nur 106.000 Resultate. Es scheint also allgemeines Wissen zu sein, dass es die eine deutsche Sprache gibt; alles andere sind Dialekte. Dennoch unterscheidet die Sprachwissenschaft oft mehrere „deutsche Sprachen“; mindestens Niederdeutsch („Plattdeutsch“) und Jiddisch werden als eigene Sprachen anerkannt.

Darum habe ich einmal recherchiert, wie viele „deutsche Sprachen“ denn von verschiedenen linguistischen Listen anerkannt werden…

1. Ethnologue – 22 deutsche Sprachen

Ethnologue ist eine Datenbank aller bekannten Sprachen der Welt. Selbst wenn man Jiddisch und Niderdeutsch ausnimmt, bleiben im Stammbaum noch sagenhafte 19 deutsche Einzelsprachen. Wenn man sich die Liste anschaut, kommen mir allerdings Zweifel an der Eigenständigkeit vieler Varianten – „Alemán Coloniero“ ist ein spezifischer alemannischer Dialekt, den Auswanderer vom Kaiserstuhl nach Venezuela gebracht haben; das macht ihn nicht gleich zu einer eigenen Sprache. Ebenso ist „Pennsylvania Dutch“ eindeutig Teil des Pfälzischen. Welches merkwürdigerweise als eigene Sprache aufgeführt wird, das nah verwandte Hessische dagegen nicht. Auch sonst enthält der Stammbaum eine offensichtliche Fehler z.B. dass Limburgisch dem Rheinfränkischen zugeordnet wird. Mir scheint es, dass die Autoren nicht unbedingt Experten für Germanistik sind. Immerhin geben sie zum Thema Dialekte des Deutschen zu: „Our present treatment is incomplete“.

Folgende Karte zeigt, welche deutschen Sprachen ethnologue anerkennt und wie unvollständig sie verteilt sind:

Deutsch_Ethnologue

2. Wikipedia – undefiniert

Die englische Wikipedia listet in einem Template eine große Zahl von germanischen Sprachformen auf, die Überschrift lautet allerdings „languages and dialects“ – dadurch bezieht die Seite keine Stellung, ob es sich bei einer einzelnen Form um eine Sprache oder einen Dialekt handelt. Je nach Artikel und Wikipedia-Version werden immer wieder unterschiedliche Auflistungen verwendet, ohne dass jemals klar definiert wird, wie viele deutsche Sprachen es gibt. Fast immer als eigene Sprachen dabei sind Niederdeutsch, Jiddisch, Luxemburgisch und Pennsylvania-Deutsch.

Interessant ist auch, in welchen deutschen Sprachformen eigene Wikipedias existieren – das sind außer der (Standard-)Deutschen Wikipedia noch 7 weitere:

Die ersten drei haben Artikelzahlen im fünfstelligen Bereichen und weisen somit einen größeren Umfang auf als manche etablierte Nationalsprache. 5 weitere Versionen (Plautdietsch, Ostfränkisch, Schwäbisch, Schlesisch und Wilmesaurisch) stehen noch im Inkubator.

3.  Omniglot – 7 deutsche Sprachen

Omniglot ist eine hobby-linguistische Seite mit allerlei Aufzählungen und Links. Auf ihrer Seite listen sie Sprachen nach Familien auf – unter den germanischen Sprachen werden 7 Formen aufgelistet, die man zu den „deutschen Sprachen“ zählen würde: Elsässisch, Zimbrisch, Luxemburgisch, Niederdeutsch, Pennsylvania-Deutsch, Schweizerdeutsch und natürlich Deutsch.

Deutsch_Omniglot

4. Linguasphere – 5 bis 67 deutsche Sprachen

Linguasphere Observatory ist ein Forschungsnetzwerk, welches – wie ethnologue – versucht, alle bekannten Sprachformen zu katalogisieren. Interessant ist, dass es zwischen „inneren Sprachen“ und „äußeren Sprachen“ unterscheidet – erstere sollen in der Klassifikation zwischen Dialekt und Sprache stehen. Das Deutsche umfasst bei Linguasphere 5 „äußere Sprachen“:

  • Niederdeutsch (wie sonst auch immer)
  • Mitteldeutsch (inklusive Luxemburgisch, Standard-Deutsch und Ostfränkisch)
  • Oberdeutsch (Bairische Dialekte sowie Schwäbisch, „Badisch“ und Elsässisch)
  • Schweizerdeutsch (Alemannische Dialekte der Schweiz, Liechtensteins und Vorarlbergs)
  • „Auswanderungsdeutsch“ (alle Dialekte außerhalb des zusammenhängenden Sprachgebiets Mitteleuropas)

Deutsch_linguasphere

Diese „äußeren Sprachen“ enthalten jeweils dutzende „innere Sprachen“; ohne Niederdeutsch und die Auswanderer sind das schon alleine 37 innere Sprachen; mit ihnen kommt man auf 67. Diese Karte zeigt die „inneren Sprachen“ (ohne Auswanderer, ausgestorbene Dialekte und Standardformen):

Deutsch_linguasphere2

5. Robert Lindsay – 140 deutsche Sprachen

Kein Scherz! Der Blogger und Linguist Robert Lindsay unterteilt die deutschen Sprachen in 140 Einzelsprachen. Auf eine solche sagenhafte Zahl kommt er durch eine besonders enge Definition von Sprache (weniger als 90% Verständlichkeit von zwei Dialekten reichen um sie als eigene Sprachen abzugrenzen) sowie eine sehr fragwürdige Methode der Datensammlung und -Analyse (es reichen schon Anekdoten, jemand würde die alten Leute eines Nachbardorfes nicht versteht, um den Dialekt dieses Dorfes zur eigenen Sprache zu machen).

Fazit

Je genauer man hinsieht, desto schwerer sind die Begriffe „Dialekt“ und „Sprache“ zu definieren. Das gilt auch besonders beim Deutschen und seinen Nachbarsprachen.  Selbst wenn man sich darauf festlegt, die deutschen Dialekte aufgrund von Ähnlichkeiten in Phonologie, Grammatik und Wortschatz in Gruppen (bzw Sprachen) zu kategorisieren, bleiben trotzdem einige Probleme bestehen:

  • Die deutschen Dialekte bilden schon seit Jahrhunderten ein Kontinuum, bei dem die einzelnen Ortsdialekte fließend ineinander übergehen. In Mannheim und Lörrach werden komplett andere Sprachformen gesprochen (Rheinfränkisch im einen Fall, Hochalemannisch im Anderen); wer jedoch durch Baden von Nord nach Süd reist wird nirgendwo eine starke Sprachgrenze feststellen.
  • Selbst die Grenzen der „deutschen Dialekte“ sind schwer zu ziehen. nach Süden und Osten sind sie eindeutig, da sie dort an andere Sprachfamilien grenzen, im Nordosten ist der Übergang jedoch fließend. Limburgisch, Kleverländisch und bergische Dialekte werden mal dem Niederländischen, mal dem Deutschen zugeordnet; wieder Andere sehen sie als eigene Sprache ohne gemeinsame Dachsprache/Ausbausprache.
  • In Mittel- und Süddeutschland sowie Österreich besteht oft ein fließender Übergang zwischen Basis-Dialekt und Standardsprache; Sprecher wechseln je nach Situation und Gesprächspartner zwischen verschiedenen Stufen der dialektalen „Reinheit“. Dadurch verändern sich auch die Dialekte selbst und nähern sich bei jungen Sprechern stärker dem Standarddeutschen an. Dadurch wird es zunehmend schwierig, bestimmte regionale Sprachformen einzuordnen.
  • Auch die Zuordnung von Standarddeutsch selbst ist knifflig – ist es eine eigene Sprache unabhängig von den Basisdialekten? Oder gehören bestimmte deutsche Dialekte dazu, andere sind dagegen eigene Sprachen? Viele Autoren gesellen Standarddeutsch zu den Ostmitteldeutschen Dialekten (Obersächsisch, Thüringisch), da es historisch diesen am nächsten stand.
  • Und schließlich sind Sprachen auch immer Träger einer regionalen und kulturellen Identität. Allerdings gibt es oft wenig Übereinstimmung zwischen den Grenzen der „regionalen Identitäten“ in Deutschland und den Grenzen zwischen Clustern von Dialekten. Nur ein paar Beispiele: „Saarländisch“ (geteilt zwischen Rheinfränkisch und Moselfränkisch), „Badisch“ (geteilt zwischen Rheinfränkisch, Südfränkisch und Alemannisch), Pfälzisch (tatsächliche Verbreitung viel größer als regionale Identität der Pfalz). Die Namen, welche Linguisten den Dialektclustern bzw Sprachen geben, haben für die Sprecher selbst oft keine Bedeutung.

Demnächst ein eigener Vorschlag zur Untergliederung der deutschen Sprachen!

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